Kluge Gefühle – Eyal Winter

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Täglich fällen wir Entscheidungen, oft sind es Routinevorgänge, die keine längeren Überlegungen erfordern. Frauen sagt man ja nach, sie würden zumeist mit dem Bauch entscheiden. Wenn das so ist, dann kann man sie nur beglückwünschen. Denn Eyal Winter, der Autor des Buchs „Kluge Gefühle“ räumt rigoros mit dem Vorurteil auf, dass Gefühle wie Wut, Liebe und Angst rationell gefällten Entscheidungen unterlegen sind. Überhaupt, gibt es sie, die Urteile und Entscheidungen, die nur logisch und verstandesmäßig sind? Wie kommt es zu der Trennung dieser beiden Möglichkeiten? Ist die Vorstellung von einem inneren Kampf zwischen den emotionalen und vernünftigen Entscheidungen eine korrekte? Zu all diesen und vielen anderen Fragen hat der Autor Antworten, die durch umfangreiche Studien untermauert werden.

Zu Beginn definiert Eyal Winter Rationalität und zeigt an einem einfachen Beispiel, wie unwahrscheinlich es wäre, zu dem heutigen Entwicklungsstand der Menschheit gekommen zu sein, hätten wir uns ständig so rational verhalten wie beispielsweis Mr. Spock, das berühmte Mitglied der Raumschiff Enterprise Crew.

Jetzt schütteln viele über soviel Unverstand vielleicht ungläubig den Kopf. Doch mit Hilfe vieler Experimente und Erkenntnissen aus Spieltheorie- und Erkenntnistheorie kann gezeigt werden, dass selbst unter den kühlsten und scheinbar emotionslosesten Bedingungen sich Gefühle als kompetente Entscheidungsstrategen in unser Verhalten einschleichen – uns ist es nur nicht bewusst.

Der Autor spricht auch von rationalen Emotionen und Commitment, die uns bei Verhandlungen besonders behilflich sind.
Da wir Gott sei Dank nicht wie Mr. Spock sind, haben wir es im Gegensatz zu ihm auch gelernt, die Gefühle anderer Menschen zu erkennen. Ohne diese Fähigkeit wären wir auch sehr stark bei unserem zwischenmenschlichen Handeln eingeschränkt. Und das Pokerspiel hätte stark gelitten. Aber selbst bei hoch komplexen Verhaltenssituationen ist Empathie, deren neurobiologische Grundlage Spiegelneuronen sind, ein entscheidender Faktor, um Entscheidungen zu treffen, denn sie ermöglicht, Verhalten und Absichten des Gegenübers einzuschätzen.

Empathie spielt aber auch bei solchen Entscheidungen wie etwa dem bekannten Gefangenendilemma eine Rolle. Die Spieltheorie, die sich nicht etwa dem Spiel aus pädagogischer Sicht widmet, sondern mit Entscheidungsereignissen, bei denen es auch auf Kooperation ankommt. Doch wie schätzt man diese Bereitschaft ein, wenn man nicht die Gelegenheit hat, sich mit dem anderen darüber zu einigen, wie beim Gefangegendilemma oder bei dem Spiel „Splitt or Steal“.

Die mit Gefühlen besetzten Entscheidungen und Mythen über Untreue, Sex und Geschlechterdifferenzen lässt der Autor keineswegs aus, sondern befasst sich im dritten Teil seines Buches ausführlich damit.

Am Beispiel Kunst und Kultur führt Eyal Winter nochmals aus, dass zwischen Kognition und Emotion nur eine dünne Trennwand besteht, die aber durchlässig ist, denn es findet ein ständiger Austausch zwischen den beteiligten Gehirnbereichen statt. Und gerade in der Kunst profitieren Künstler und Rezipienten davon.
Gefühle sind also, wie Winter feststellt, kein kümmerliches Überbleibsel, sondern ein hochkompliziertes Instrument, das uns einfach besser leben lässt.
Ein sehr interessantes Buch, das die Fakten sehr verständlich darstellt und von der ersten Seite bis zum Schluss fesselnd ist. Sehr empfehlenswert für kluge Gefühlsmenschen und solche, die es werden wollen.

Eyal Winter, geboren 1959, ist Professor für Ökonomie und Leiter des Zentrums für Rationalität an der Hebräischen Universität von Jerusalem, einer der weltweit führenden Institutionen, die über Entscheidungsfindung forschen. 2011 erhielt er den Humboldt-Preis. Er hat an über 130 Universitäten in 26 Ländern, darunter die Harvard University, Stanford University, Princeton University, University of California und an der University of Cambridge Vorträge gehalten.

Eyal Winter
Kluge Gefühle

Warum Angst, Wut und Liebe rationaler sind, als wir denken
Aus dem Englischen von Harald Stadler
288 Seiten, Hardcover

ISBN 978-3-8321-9787-2
Verlag: Dumont

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