John Bolton: Der Raum, in dem alles geschah

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In einer Hinsicht hat Donald Trump, der den Ehrgeiz hat, alle seine Vorgänger im Amt zu übertrumpfen, sein Ziel längst erreicht: So schnell wie kein anderer Präsident vor ihm tauscht Trump sein Personal aus. Seit Amtsantritt feuerte er laut einer Analyse der renommierten Brooklings Institution 91%  seiner Spitzenberater. Unter ihnen ist auch Trumps ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater John Bolton. 17 Monate nach Amtsantritt musste der Mann mit dem markanten Seehund-Schnurrbart seinen Posten wegen Meinungsverschiedenheiten räumen. Sagt Trump; Bolton behauptet, gekündigt zu haben.

In seinem Buch DER RAUM, IN DEM ALLES GESCHAH rechnet der kantige Ex-Sicherheitsberater jetzt mit Trump ab und zeichnet das Porträt eines Präsidenten, der erschreckend uninformiert, ungeeignet, sprunghaft und  heillos überfordert ist. Immerhin erschienen diese Enthüllungen der Trump-Administration so wichtig, dass sie vergeblich versuchte, die Veröffentlichung zu verhindern.

Aufstieg eines erzkonservativen Hardliners

John Bolton hat sich als erzkonservativer Hardliner insbesondere gegenüber Nordkorea, Iran, Venezuela und den afghanischen Taliban-Rebellen einen Namen gemacht. In der Bush-Administration stieg der Protegé von Dick Cheney zu einer herausragenden, wenngleich wegen seiner militaristischen Haltung umstrittenen Persönlichkeit auf. Als Trump Präsident wird, sieht Bolton seine Zeit gekommen. Außenminister möchte er werden. Doch Trump, schreibt Bolton, habe ihm nur den Posten als stellvertretender Außenminister angeboten. Der ehrgeizige, machtbewusste Hardliner lehnt ab, weil man auf dieser Ebene den Staat nicht erfolgreich führen könne. Trump lockt ihn mit mehreren anderen Angeboten. Nach einigem Hin und Her übernimmt Bolton schließlich den Posten als nationaler Sicherheitsberater und spielt eine Weile „guter Bulle“ versus „böser Bulle“ mit Trump, bis sich beide entzweien.

In seinem neuen Job fand Bolton Verbündete und Feinde, aber vor allem letztere.

Außenminister Rex Tillerson und vor allem Amtsvorgänger Herbert Raymond McMaster, misstraute er von Anfang an, so erfahren die Leser,  während er am Ende seiner Amtszeit Mike Pompeo verdächtigt, selbst Ambitionen auf das Amt des Präsidenten 2024 zu haben.

Ignoranter und inkompetenter US-Präsident

Den größten Teil seines Zorns richtet der Autor indessen auf Trump, dem er intellektuelle Armut und Inkompetenz bescheinigt. In Briefings redete vor allem Trump selbst, anstatt sich von seinen hochrangigen Experten auf den neuesten Stand der Entwicklungen bringen zu lassen. Obwohl Nordkorea zu den Ländern zählt, gegenüber denen die Trump-Administration eine harte militärische Linie befürwortete, kündigte Trump ein Gipfeltreffen mit Kim an, ohne sich mit Bolton und anderen relevanten Ressorts abzustimmen. Bei den Vorbereitung seines Treffens mit Putin im August 2018 in Helsinki, fragte Trump, so Bolton, ob Finnland zu Russland gehöre. Dass Großbritannien seit 1952 über Atomwaffen verfügt, ist ihm nicht geläufig. Und eine militärische Invasion in Venezuela hätte er „cool“ gefunden.

Bedenkliche Vorliebe für Despoten und ihre Herrschaftsinstrumente

Bedenklicher als solche Ignoranz und verbalen Entgleisungen stimmt jedoch Trumps notorische Nähe zu Despoten, bei denen er sich laut Bolton gerne einschleimt und deren Hilfe er sucht, um sein Amt zu behalten.  

  • Dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping soll Trump beim G20-Gipfel Schutz vor US-Ermittlungen gegen den chinesischen Telekommunikationsriesen ZTE im Gegenzug für die Unterstützung seiner Wiederwahl angeboten gaben: China solle für Milliarden von Dollar Soja und Weizen bei den US-Farmern kaufen, die für den Ausgang eine wichtige Wählergruppe seien.
  • Xi’s Pläne, für die von der chinesischen Regierung seit vielen Jahren verfolgte muslimische Minderheit der Uiguren Konzentrationslager zu bauen, begrüßt Trump als das geeignete Vorgehen gegen Rebellen.
  • Dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bot Trump 2018 Hilfe bei US-Ermittlungen gegen eine türkische Bank wegen möglicher Verletzungen der Sanktionen gegen den Iran an.
  • Gegenüber Putin drückt er sein großes Unbehagen über die von der EU verhängten Sanktionen gegen Russland aus.

Menetekel für eine mögliche Wiederwahl Trumps

Enthüllungsbücher über Trump gibt es einige. John Boltons DER RAUM, IN DEM ALLES GESCHAH zeichnet sich im Gegensatz zu diesen vor allem dadurch aus, dass sein Autor zum inneren Kreis der Trumpschen Machtelite zählte und an zahlreichen strategisch wichtigen Gesprächen und Treffen zu den Krisenherden der Welt teilnahm.  Boltons Beschreibungen sind nicht frei von persönlichen Eitelkeiten und Eigenlob. So genießt er es, wenn Putin und andere wichtige Persönlichkeiten ihm ihre Wertschätzung ausdrücken. Zudem mag seine Sicht auf die US-Außenpolitik und ihre zwanghafte Amerikanisierung der Welt dogmatisch und einseitig sein. Dennoch sind Boltons Memoiren aufschlussreich und wertvoll, weil sie einen fundierten Einblick in den erratischen Prozess der Politikgestaltung im gegenwärtigen Weißen Haus bieten.

Zudem fungiert das Buch als beunruhigendes Vorzeichen der Dinge, die da kommen werden, sollte es nach den Präsidentschaftswahlen im November 2020 eine zweite Amtszeit für Trump geben.

John Bolton – Der Raum, in dem alles geschah

Aufzeichnungen des ehemaligen Sicherheitsberaters im Weißen Haus

640 Seiten, 15 x 22 cm, gebunden
Deutsche Erstausgabe, aus dem Amerikanischen übersetzt von Shaya Zarrin, Patrick Baumgärtel und weiteren

ISBN 978-3-360-01371-2

Verlag: Eulenspiegel

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