Intrige – historischer, bildgewaltiger Thriller von Polanski

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Roman Polanskis Film INTRIGE ist ein historischer Thriller über die Dreyfus-Affäre, die Ende des 19.Jahrhunderts Frankreich in eine tiefe innenpolitische Krise stürzte.  Alfred Dreyfus, ein jüdischer Offizier im Generalstab der französischen Armee, war zu Unrecht des Hochverrats beschuldigt und zu lebenslanger Haft auf die Teufelsinsel verbannt worden. Erst durch das Engagement einiger Intellektueller unter der Führung des französischen Schriftstellers Émile Zola wurde er schließlich rehabilitiert.   

Für reichlich Irritationen sorgte bei den Filmfestspielen in Cannes im vergangenen Jahr die Bekanntgabe, dass die Jury Polanskis Regiearbeit in die Auswahl der Festivalbeiträge aufgenommen hatte. Manche beunruhigte wohl der Gedanke, dass Polanski mit seinem Film Parallelen seiner persönlichen Situation zu der Dreyfus-Affäre sah und den Zuschauer ermuntern könnte, seine Sicht als eines zu Unrecht von der Justiz und öffentlichen Meinung Verfolgten zu teilen. 1977 hatte sich der umstrittene US-Regisseur einer Verurteilung wegen Sex mit einer Minderjährigen durch seine Flucht ins Exil nach Europa entzogen.  

Obwohl INTRIGE gewiss ein persönlicher Film für Polanski ist, sieht er weder so aus, noch wirkt er so. Vielmehr ist er über weite Strecken ein nüchternes Verfahrensdrama, das sehr schön gedreht, auch spannend zu sehen ist, aber merkwürdig blutleer wirkt, bis sich im letzten Akt die Dinge wie bei einem konventionellen Paranoia-Thriller überschlagen.    

Der vermeintliche Verräter Alfred Dreyfus (Louis Garrel) verbannt auf die Teufelsinsel © Guy Ferrandis

Der Film basiert auf einem Buch des britischen Autors Robert Harris, der auch an dem Drehbuch mitgeschrieben hat, und umfasst die fünf Jahre nach den Spionagevorwürfen gegen Dreyfus im Jahre 1894. Die prächtige Eröffnungssequenz zeigt, wie ein verzweifelter Dreyfus (Louis Garrel) über das Kopfsteinpflaster der Pariser École Militaire geführt wird, um sich den fingierten Vorwürfen des Verrats von militärischen Geheimnissen an die Deutschen mit anschließender Degradierung zu stellen. Er sei unschuldig, ruft er dem laut johlenden antisemitischen aufgeheizten Mob zu. Aber da Dreyfus Jude in einer vom Antisemitismus durchdrungenen Institution ist, spielt das kaum eine Rolle.

Intrige
Oberstleutnant Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) auf der Suche nach der Wahrheit © Guy Ferrandis

Geschickt hält Polanski die Figur des Dreyfus weitgehend im Hintergrund, konzentriert sich stattdessen auf den Oberst Picquart (Jean Dujardin), der an dem Verfahren gegen Dreyfus selbst maßgeblich mitgewirkt hatte und bald darauf als Belohnung zum Leiter des militärischen Geheimdienstes befördert wird. Von seinem mit Syphilis geschlagenen Vorgänger übernimmt er dabei ein schweres Erbe.

Denn seine Behörde erweist sich als ein durch und durch moralisch verrotteter Apparat, den eine Clique von Männern fest in den Händen hält, allen voran der unterwürfige Major Henry (Grégory Gadebois) und der Fiesling Bertillon (Matthieu Almaric), ein willfähriger Graphologe, der gerne sagt, was immer die Anklage wünscht. Fast nebenbei erfährt Picquart, mit welchen unterschiedlichen Methoden Postsendungen manipuliert werden. Langsam dämmert es ihm, dass mit den Beweisen gegen den mittlerweile zu den Akten gelegten Fall Dreyfus nicht alles so ist, wie es scheint und sich der wahre Übeltäter auf freiem Fuß befindet.

Unter den Tisch kehren? Picquart (Jean Dujardin) mit seinen Vorgesetzten Gonse (Hervé Pierre), Boisdeffre (Didier Sandre) und Billot (Vincent Grass) © Guy Ferrandis

Was immer man von Polanski als Mensch halten mag, als Filmemacher bleibt er ein absoluter Meister seines Fachs. Mit INTRIGE ist ihm ein subtiles, vernichtendes Porträt des französischen Generalstabs und einer vom Antisemitismus durchdrungenen Gesellschaft gelungen, das bildgewaltig inszeniert ist. Die Rollen sind hervorragend besetzt. Vor allem Jean Dujardin brilliert als Oberst Georges Picquart, der zwischen seinem beruflichen Ehrgeiz und Menschlichkeit abwägen muss und sich, obwohl er selbst antisemitisch geprägt ist,  entscheidet, den Fall Dreyfus gegen den massiven Widerstand seiner Vorgesetzten wieder aufzurollen. Die Parallelen zur Gegenwart sind unverkennbar. Unbedingt sehenswert, da ganz großes Kino.

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