Interview mit Max Mutzke

image

Wir haben uns sehr gefreut, mit dem erfolgreichen und sympathischen  Max Mutzke ein Interview machen zu können, der gerade sein neues Album MAX veröffentlicht hat.

DKB: Wenn Sie sich mit drei Eigenschaften beschreiben sollten, welche würden Ihnen da spontan einfallen?

MM: Ich glaube, eine meiner wichtigsten Eigenschaften, die ich auch bei anderen Menschen am meisten schätze, ist Begeisterungsfähigkeit. Denn ich denke, Begeisterungsfähigkeit trägt ganz viele wichtige Eigenschaften in sich. Sie beinhaltet einmal Empathie, was ich total wichtig finde. Dass man sich in andere reinversetzen kann, sich für andere freuen kann. Spontanität ist eine weitere Seite der Begeisterungsfähigkeit. Zum Beispiel: Wenn wir im Winter am Rhein entlang spazieren gehen und einer sagt: „So, jetzt zieh’n wir uns nackt aus und springen rein.“ Und Spontanität bedeutet dann: Wir machen’s einfach! So etwas ist total wichtig in meinem Leben. Diese Momente machen das Leben so besonders und alle, die bei solch einer Aktion dabei waren, zehren lange davon. Außerdem schließt Begeisterungsfähigkeit andere Eigenschaften zu Teilen aus, glaube ich. Man ist vielleicht nicht immer gefeit davor auch mal auf etwas neidisch zu sein, aber im Großen und Ganzen wirkt Begeisterungsfähigkeit gegen diese Art von Gefühlen.

DKB: 2004 hatten Sie Ihren großen Durchbruch. Elf Jahre behaupten Sie sich jetzt also schon erfolgreich im sicherlich nicht einfachen Musikgeschäft. Was machen Sie im Gegensatz zu vielen Ihrer Kollegen richtig, die längst wieder in der Versenkung verschwunden sind? Können Sie sagen, warum Sie so erfolgreich sind?

MM: Ich glaube, das liegt einmal am Format, bei dem ich aufgetaucht bin. Dort haben sich auch Künstler wie Stefanie Heinzmann und Gregor Meyle herauskristallisiert. Das sind ebenfalls Musiker, die langanhaltend Erfolg haben. Ich habe gerade gestern noch mit Stefanie Heinzmann gespielt und es hat mir wieder mal gezeigt, was für eine unglaubliche Qualität sie hat. Dann habe ich mit Leuten zusammengearbeitet, die von vornherein darauf geachtet haben, dass ich nicht verheizt werde und dass wir gemeinsam eine langanhaltende Karriere aufbauen wollen. Das heißt, man schließt von Anfang an eine ganze Menge Dinge aus. Man nimmt nur Preise entgegen, die hochwertig sind. Ich gehe nur auf Veranstaltungen, bei denen ich wirklich etwas zu tun habe. Ich tauche nur bei TV-Formaten auf, die zu mir passen. Ich mache Musik, die ich mit voller Überzeugung spiele. Das alles festigt deine Stellung und deine Glaubwürdigkeit. Das ist das eine. Dann glaube ich, dass sowohl Stefanie Heinzmann und Gregor Meyle als auch ich, wir uns schon in unserer Kindheit enorm viel mit Musik beschäftigt haben. Das ist bei mir mehr als nur ein Hobby gewesen. Musik war für mich schon immer ganz normaler Alltag. Wir sind sechs Geschwister, wir hatten ein großes Haus im Schwarzwald, ein wunderschönes Pfarrhaus am Südhang. Im Dachstuhl gab es einen großen Proberaum, wirklich groß, mit zwei Schlagzeugen, einem Klavier, einer Synthie-Ecke, einem Bass, einer Percussion-Ecke und zwei Gitarren, die immer an die Anlage angeschlossen waren. Außerdem gab es eine Gesangsanlage. Dadurch konnten wir jederzeit Musik machen – das war für uns eine Selbstverständlichkeit. Ich habe immer das, was ich bei meinem Vater in der Bandprobe gehört habe, versucht nachzuspielen. So hat sich die Musik für uns zu einem ganz wichtigen Bestandteil in unserem Leben entwickelt. Hinzu kam, dass mein Vater ein großer Konzertliebhaber ist und wir oft nach Freiburg gefahren sind. Eine wunderschöne Strecke durch den Schwarzwald. Ich saß als kleines Kind auf dem Motorrad hintendrauf oder im T3 VW-Bus mit Matratze. Wir haben dann zum Beispiel Herbie Hancock oder Maceo Parker gesehen. Ein- oder zweimal im Monat durften wir solche Konzerte miterleben. Dadurch hat sich Musik zu einer ganz wichtigen Substanz für mich entwickelt. Ich glaube, viele Casting-Teilnehmer melden sich nur an, weil es eine Art Volkssport ist. Das ist ja auch super, das kann jeder ausprobieren. Aber ich glaube, oft fehlt die Substanz. Die singen dann einen Titel tierisch gut. Dann kommt der nächste Titel und dann plötzlich merkst du, der eine Titel war echt super, weil der genau gepasst hat. Aber viele sind dann überhaupt nicht flexibel, es passiert einfach nichts mehr. Man sieht dann, dass Musik bei denen vielleicht nur so eine Art kurzes Hobby ist. Und das merken auch die Zuschauer draußen. Sie spüren es. Substanz ist in allen Berufsgruppen elementar wichtig. Und die Leute merken es und daran fehlt es vielen Casting-Teilnehmern.

DKB: Obwohl es ist doch denkbar, dass man sich das aneignet im Laufe der Zeit. Sie haben sich ja auch entwickelt vom Amateur zum Profi mit Substanz, wie Sie sagen.

MM: Ja, aber wenn man das erste Mal auftaucht, dann muss das schon eine Art Aha-Effekt auslösen. Oder man tingelt durch kleine Clubs und spielt sich da enorm Erfahrungen an. Dann entwickelt man sich natürlich auch. Man reift mit jeder Erfahrung. Am Anfang sind da vielleicht nur 20 im Club, das spricht sich rum und wenn du das nächste Mal kommst, dann kommen 40 und dann sind es beim nächsten Mal vielleicht sogar 80 oder 120. Und wenn du das von Stadt zu Stadt jahrelang machst, dann hast du vielleicht immer 300 oder 400 Leute, wenn du spielst. Dann hast du schon etwas Besonderes in deinen Texten, in deiner Interpretation, in deinem Live-Verhalten und zwar so besonders, dass die Leute das lieben, mögen oder gerne sehen wollen. Und dann sagt jemand: „Hey, wir machen einen Plattendeal. Ich sehe, live läuft’s wunderbar. Du hast eine Fan-Base. Lass uns eine Platte machen.“ Klar, dann kann man da auch reinwachsen. Selbstverständlich. Aber wenn du in einer Casting-Show bekannt wirst und den ganzen Weg vorweg nicht machst, sondern direkt den großen Karrierestart vorwegnimmst, dann musst du sehr viel Substanz haben, dass sich dein Erfolg halten kann.

DKB: Wie groß ist eigentlich der Einfluss Ihrer Produzenten auf Ihre Musik und bei dem, was Sie da geschildert haben?

MM: Der Produzent, mit dem ich zusammen gearbeitet habe, heißt Andreas Herbig. Er ist einer der Big Shots in Deutschland, der unter anderem mit Udo Lindenberg, Andreas Bourani und Ich + Ich produziert hat. Andreas Herbig war bei diesem Album für mich der Retter, weil ich einfach vier Jahre an dem Album gesessen habe und zwischendurch überhaupt keine Lust mehr darauf hatte. Wenn man Musik für die breitere Masse macht, wie Soul und Pop, dann kann es passieren, dass man sich auch beim Songschreiben schon wie in ein Korsett eingezwängt fühlt. Der Song muss jetzt 3.30 Minuten lang sein und alle Parameter erfüllen, um im Radio gespielt zu werden. Davon habe ich mich immer weitgehend losgelöst. Trotzdem hatte ich auf diese Mechanismen und Gedanken überhaupt keine Lust mehr und habe ein Jazzalbum gemacht. Ich dachte: das will zwar keiner hören, aber ich mach das. Und ich wusste, dass das eine gute Qualität haben wird, dass es mich widerspiegelt. Es ging mir um die Musik, nicht um das Business. Ich dachte mir, ich brenne die CD selbst zweihundertmal und schicke sie dann an Konzert-Locations und sage: „Hey, wir würden das gerne mal ausprobieren. Lasst mich bei euch spielen.“ Ich würde mich höchstens ein Jahr lang frei spielen und dann an dem Soul-Album weiterarbeiten. Das habe ich dann so gemacht und auch selbst finanziert. Ich habe keine Plattenfirma gefragt, sondern mich mit Wolfgang Haffner, einem der bedeutendsten Jazz-Schlagzeuger getroffen. Wolfgang ist schon sehr lange ein lieber Freund von mir. Für mich war er immer eine Koryphäe. Jazz war schon immer mein Metier, von klein auf. Zusammen haben wir meine Idee eines Jazzalbums ausgearbeitet. Und als wir ins Studio gegangen sind, habe ich Götz Alsmann, Wigald Boning, Thomas D, Klaus Doldinger, Jan Plewka und Cassandra Steen gefragt, ob sie dabei sein wollen. Sie wollten. Das war einfach großartig, mit denen zu arbeiten. Und als es fertig war, haben wir Kontakt zu den Plattenfirmen aufgenommen und die waren fast alle begeistert davon und haben gesagt: „Hättest du uns das vorgeschlagen, wir hätten dir nicht einen Cent dafür gegeben. Denn wer will schon ein Jazz-Album von Max Mutzke hören?“ Und dann haben wir mit „Sony Classical/Jazz“ ein Label gefunden, das sich total für dieses Album begeistert hat. Ich habe sofort die echte, tolle, warme Begeisterung gespürt und mich entschieden, das auf jeden Fall mit denen zu machen. Das Album wurde viel erfolgreicher als wir allesamt gedacht hatten. Wir haben enorm viel davon verkauft, obwohl wir nicht einmal im Radio liefen. Und wir haben weit mehr als 200 Konzerte damit gegeben. Eine Wahnsinns-Zeit.

DKB: Also, ich fand Ihre Stimme immer schon jazzig. Deshalb kann ich jetzt so gar nicht verstehen, dass es da bei den Labels Bedenken gab.

MM: Danke! Ja, das schon. Aber Jazz interessiert ja „niemanden“. Denkt man. Das ist das böse J-Wort in der Musik. Und trotzdem gibt es eine ganz klare, begeisterte Jazz-Szene, die auch sehr präsent ist. Viele Labels sind nicht in dem Metier unterwegs und denken: Jazz-Album? Ciao! Bis morgen oder bis irgendwann. Oder vielleicht auch nicht. Aber „Durch Einander“ war ein tolles Ding. Der Anspruch an das nächste Album war danach natürlich viel größer. Ich hatte viele Evergreens auf dem Album, Songs mit wunderschönen Melodien und Texten. Das Album strahlt und begeistert durch die Qualität der Songs. Und dann folgt ein Album mit eigenen Songs. Jetzt ist es enorm schwer, den Bogen zu kriegen. Ich möchte, dass auch meine eigenen Songs glänzen und strahlen, dass sich meine Songs nicht verstecken müssen. Das Songwriting dazu ist natürlich immens schwer. Heute bin ich aber sehr glücklich und stolz auf meine eigenen Songs.

DKB: Ich habe gelesen, dass Sie sich Inspiration auch während der Tour von überall her holen. Gibt es da aber irgendeine Quelle, die besonders gut fließt? Oder kann man das so nicht sagen?

MM: Um noch abzuschließen wie wichtig der Produzent ist: Während meiner zahlreichen Live-Auftritte gab es einen Knackpunkt, warum das nächste Album „MAX“ heißen musste. „MAX“ soll überhaupt nicht „maximal“ oder „Maximum“ bedeuten. Das ist ja immer das Problem mit dem Titel. Dann hätte ich ja „Max.“ daraus machen müssen oder so. Aber durch dieses viele Live-Spielen in den letzten zweieinhalb Jahren, hatte ich einfach das Problem, dass ich in alle Richtungen gespielt habe. Wir haben im Philharmonischen Orchester gespielt. Wir haben mit den Philharmonics gespielt, mit klassischen Streichern und wir haben mit etlichen Big Bands gespielt. Wir haben mit Jazz Trios und R&B gespielt, mit Rockbands. Das ist eigentlich ein Luxusproblem, weil ich überall mitmachen durfte und alle mein Album arrangiert haben und meine Songs in meiner Tonart gemacht haben. Ich konnte mich einfach reingeben, konnte meine Songs singen und die Arrangements wurden angepasst. Das war einfach traumhaft. Die Resonanzen, nicht nur vom Publikum, sondern auch von der Fachpresse waren immer überragend. Aber das Problem dabei war, dass ich meinen Fokus verloren habe. Ich habe alles gemacht, das hat alles funktioniert. Für das Soul-Album habe ich dann meine zwei, drei Wunschproduzenten gefragt, die zunächst alle begeistert waren. Ich habe ihnen die Demo-Version geschickt, die sehr verschieden war – sowohl musikalisch als auch interpretatorisch. Da ist uns ein Produzent nach dem anderen abgesprungen. Sie wollten die Verantwortung nicht übernehmen. Und das dauerte monatelang. Das erstreckte sich über Monate. Über sechs, sieben oder acht Monate bekam ich eine Absage nach der anderen. Dann gab es Andreas Herbig, der sich die Songs angehört hat, großes Potential gesehen hat und mir eine Zusage gab. Meine Idee war dann, eine fremde Band mit ins Studio zu nehmen, die noch nie mit mir gespielt hat. Ich habe gesagt, was für eine Instrumentierung es sein soll, auf welche Farben ich Wert lege. Wir haben uns im Studio getroffen und ich habe mit der Energie, wie ich die Songs empfinde, einfach gesungen. Die Musiker sollten wie bei einer Session einfach mitmachen. Andreas saß auf der anderen Seite im Produktionsraum und hat von Anfang an Anweisungen geben können. Innerhalb von neun Tagen haben wir das Album komplett neu erarbeitet. Wir haben die Energie, den roten Faden reingebracht. Der Effekt war, dass alle Songs, die teilweise über vier Jahre alt waren, einen total neuen Energiestand bekommen haben und plötzlich enorm aktuell waren – eine richtige Momentaufnahme.

DKB: Auf dem Album gibt es ja den Song „Unsere Nacht“, der wohl einen politischen Background hat. Ist der auf eine aktuelle Situation zugeschnitten oder gab es da ein bestimmtes Ereignis, welches Sie dazu inspiriert hat?

MM: Ursprünglich ist dieser Song vor drei Jahren entstanden. Das war der Start des „Arabischen Frühlings“ in Nordafrika, wo man wirklich gedacht hat: Mann, ist das schön! Die schaffen das wirklich, was hier im 18. Jahrhundert in der Revolution blutig erkämpft wurde. Sie haben sich die Demokratie mit Demonstrationen erkämpft – mit Studenten und Familien auf den Straßen. Dass das dann umschlägt, das konnte man damals nicht ahnen. Als wir den Song jetzt produziert haben, sahen wir natürlich genau das Problem. Es ist ja fast schon zynisch, wenn man den „Arabischen Frühling“ jetzt sieht. Wenn man Syrien betrachtet, das ist ganz einfach ein Desaster. Aber heute können wir den Song auch durchaus auf eine Situation generell beziehen, die jetzt überall in Europa stattfindet. Wenn wir sehen, in welche politische Richtung die Wahlen gehen, dann wird einem wirklich mulmig. Vor allem dann, wie in meinem Fall, wenn man mit einer Frau zusammen ist, die aus Afrika kommt. Und wir haben Kinder zusammen. Da denkt man schon, irgendwann gehören wir vielleicht, wenn wir nicht aufpassen, was wir machen, zu einer unerwünschten Randgruppe in Deutschland, weil wir Mischlingskinder haben. Das hat Marvin Gaye schon 1971 in seinem Song „What’s going on?“ verpackt. Diesen Song habe ich mein ganzes Leben lang gesungen – immer mit dem Gefühl, dass wir es doch schaffen müssten, was ja eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit ist, dass wir alle, Menschen unterschiedlicher ethnischer Gruppen, alle Minderheiten, jedes Alter, Schulter an Schulter leben. Eigentlich müsste es selbstverständlich sein, aber das ist es nicht – auch in Deutschland nicht. Es gibt einfach zu viele Vorfälle, auch aktuell, die sich häufen und die ein komisches Gefühl hinterlassen. Da will ich Position beziehen: „Unsere Nacht. Sie wird von uns gemacht. Mit dir und dir und dir wird sie bunt gemacht.“ Jeder soll dabei sein. Wir machen’s bunt. Es gibt so viele Farben auf der Welt. Und es ist doch das Schönste, die alle um sich zu haben. Das ist wie, wenn du in ein Kinderzimmer reingehst und sagst deinem Kind: „Hier ist ein Farbmalkasten. Mach ihn auf!“ Und dann ist da nur gelb drin. Und das Kind soll nur mit gelb malen oder mit rot oder mit was auch immer. Und dann sagt es sich: „Entschuldigung, aber da gibt‘s doch noch mehr. Alles nur in Gelb, das ist doch total langweilig!“ Und dann sagt man: „Ja, stimmt. Das ist auch langweilig. Nimm alles, was du hast. Vermisch die Farben. Mach’s bunt!“ Das ist doch das Schönste, was man sich vorstellen kann. Mit Eko Fresh habe ich da jemanden gefunden, der einfach auch eine Klientel anspricht – junge Leute. Er hat einen anderen Duktus, spricht anders, ist aber auch sehr intelligent. Er hat diese Thematik sehr gut in seinem Text verpackt. Es ist natürlich so, dass in der Erziehung der Kleinsten Toleranz eines der Dinge ist, die ganz oben stehen müssen. Das Miteinander. Das kann man immer weiter ziehen, auf Jugendliche, die man immer wieder aufmerksam machen muss, dass ihre Idole für ein buntes Deutschland oder für eine bunte Gesellschaft stehen. Und eigentlich ist „Das ist unsere Nacht“ ein Appell an ein buntes Deutschland.

DKB: Wenn jemand Sie zwingen würde sich zu entscheiden, Jazz, Soul oder Pop zu spielen, was würden Sie bevorzugen?

MM: Das ist nicht denkbar, weil wir in einem solchen Land zum Glück nicht leben. Das ist so, als würden Sie mir die Frage stellen: „Wir kochen heute etwas Schönes. Was soll es geben? Nudeln, Gemüse oder Fleisch?“ Dann machen wir doch lieber alles zusammen. Von daher stellt sich für mich diese Frage gar nicht. Ich könnte mich gar nicht entscheiden und will es nicht klar abgrenzen. Im neuen Album sind durchaus Pop-Elemente dabei. Selbstverständlich. Aber wenn man das Voicing von manchen Akkorden anhört, dann ist das klar vom Jazz inspiriert. Da kommt eine Reibung rein, die mir extrem gut gefällt. Und alles, was reibungslos ist, was keine Widerhaken hat, nimmt mich nicht mit. Genauso ist es dann mit Soul. Durch meine Stimme würde ich alles soulig machen, das geht nicht anders.

DKB: Hatten Sie eigentlich einen Plan B, wenn das jetzt mit der Musik nicht geklappt hätte?

MM: Ja, ich dachte, dieser Hype um den Grand Prix würde mich ein oder zwei Jahre beschäftigen und dann würde ich etwas anderes machen. Deshalb habe ich nach dem Grand Prix mein Abitur fertig gemacht, da ich dachte, nach zwei Jahren würde ich mich irgendwo einschreiben. Ich hätte gerne Medizin studiert, mein Vater ist Gynäkologe und tatsächlich wäre mein Berufswunsch die Gynäkologie gewesen. Mein Vater hat eben nicht nur mit schwerkranken Patienten zu tun, sondern verhilft unendlich vielen gesunden Leute dazu, Kinder zu kriegen. Das ist eine ganz andere Art und Auffassung vom Umgang mit Patienten und von Erlebnissen.

DKB: Apropos Kinder. Sie haben ja selbst drei Kinder…

MM: Ich habe Kinder, aber ich sage nicht, wie viele es sind. Es gehen auch immer unterschiedliche Zahlen rum. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man Wikipedia nicht trauen kann. Da stehen Sachen über mich, die einfach nicht stimmen.

DKB: Sie sind ja viel auf Tour. Frauen werden immer gefragt, wenn sie einen Beruf haben, wie sie es schaffen, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren? Deshalb stelle ich diese Frage auch den Männern. Wie ist das? Wie schaffen Sie das trotzdem, für Ihre Kinder und Ihre Frau da zu sein? Kommt die Familie manchmal mit?

MM: Es gibt tatsächlich ab und zu Momente, wo ich sie mitnehmen kann. Wir haben da tatsächlich einige wunderschöne Konzerte gehabt, zum Beispiel auf Schloss Elmau. Das Schloss hat uns komplett als Familie eingeladen, was unendlich beeindruckend war. Das gibt es auch in anderen Hotels, dass ein Teil der Gage kompensiert wird mit einem einwöchigen Aufenthalt mit der Familie. Das ist natürlich total schön. Ich habe gerade vor ein paar Tagen in der Nähe von Köln gespielt und bin in der Nacht 450 km nach Hause gefahren. Ich bin morgens angekommen, habe mich kurz ins Bett gelegt und morgens kommen die Kleinen rein, legen sich auf einen drauf. Das ist schon erfüllend, das ist Glück. Wir haben dann den ganzen Tag an einem See oder im Schwimmbad verbracht. Das ist ein totales Auftanken, nicht nur für die Kinder, sondern auch für mich. Am nächsten Morgen muss ich dann wieder zum Flughafen, aber diese zwölf Stunden mit den Kindern, die haben sich gelohnt. Total. Also versuche ich, sie so oft wie möglich zu sehen. Ich bin aber auch manchmal wochenlang zu Hause und dann bin ich nur für meine Kinder da. Wenn sie Musikunterricht haben, dann gehe ich mit, hole sie ab. Ich gehe mit ihnen essen oder wir kochen, wir gehen einkaufen, wir gehen viel spazieren. Ich bin wirklich niemand, der sich im Büro oder hinter dem Computer verkriecht.

DKB: Um noch einmal auf die Musik und Ihre Einflüsse zurückzukommen, hatten Sie bestimmte musikalische Vorbilder?

MM: Richtige Vorbilder habe ich eigentlich nicht. Ich wollte auch nie wie jemand bestimmtes sein. Das ist tatsächlich etwas, was mir erst später aufgefallen ist, wenn ich von anderen hörte, die Michael Jackson als großes Vorbild hatten und genau tanzen wollten wie er. Ich hatte keine Vorbilder, sondern nur Leute, die mich inspiriert haben. So würde ich das eher ausdrücken. Bill Withers. Natürlich James Brown, Stevie Wonder. Aber auch Musiker, die die Leute jetzt nicht so kennen, Johnny Guitar Watson. Oder Miles Davis, Herbie Hancock. Oder Crusaders, Yellowjackets, Mace, Neville Brothers. Auch B.B. King, John Lee Hooker, Marla Glen. Robert Cray war auch jemand, der mich total beeindruckt hat. Dr. John finde ich auch super, auch die Blues Brothers, die ich mal eine Zeitlang tierisch gut fand, als ich viel Blues gehört habe. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass ich mal eine richtige Bluesplatte mache. Eric Clapton war jemand, der mich immer berührt hat mit Songs wie „Layla“ oder „Tears in Heaven“. Also da gab es eine ganz Menge, was mich inspiriert hat.

DKB: Aber Sie würden nicht sagen, dass Sie jetzt schon festsitzen, „MAX“ ist jetzt Ihre musikalische Identität. Sie sind ja sehr wandlungsfähig. Wenn Sie zehn Jahre jetzt nach vorne schauen, dann …?

MM: Dann wird es anders klingen. Da kommen natürlich Einflüsse dazu. Man lernt wieder jemanden kennen. Dann ist es nicht Eko Fresh, sondern jemand anderes. Man wird immer inspiriert. Ich freue mich jetzt auf drei Konzerte im Januar mit 86 klassischen Musikern auf der Bühne. Das wird auch wieder ein Highlight werden, nachdem ich gar nicht weiß, was danach noch kommen soll. So ist das ständig.

DKB: Ja, fast kann man denken, es gibt keine Highlights mehr, wenn man bedenkt, was Sie bisher schon alles erlebt haben…

MM: Na, es kommt immer noch eins dazu. Gestern Abend haben wir in Leipzig gedreht und anstatt offiziell mit dem Shuttle heimzufahren, sind wir mit einem süßen alten Porsche, nichts Dekadentes, sondern einem wirklich schönen alten Auto, zusammen mit Barbara Schöneberger von Leipzig nach Berlin gefahren. Das sind auch Highlights. Mit Barbara – das sind Freundschaften, aufrichtige, richtig wichtige wirkliche Freundschaften. Das sind auch Highlights.

DKB: Max Mutzke, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben. Viel Erfolg für Ihr neues Album!

Send this to friend