Interview mit Massum Faryar

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Wir sprachen mit Massum Faryar – Autor des faszinierenden Romans „Buskaschi oder „Der Teppich meiner Mutter“, der uns damit einen umfangreichen Einblick in die Kultur und das Leben der afghanischen Bevölkerung gibt.

DKB: Herr Faryar, zunächst einmal, wie lange haben Sie an Ihrem Roman gearbeitet?
MF: Ich habe auf den Tag genau alles in allem achteinhalb Jahre an dem Buch gearbeitet. Das schließt auch die Phase der Verbesserungen und Korrekturarbeiten usw. mit ein.

DKB: Das ist eine lange Zeit, aber bei diesem voluminösen Roman ist das ja auch kein Wunder. Im Kurztitel heißt Ihr Roman ja „Buskaschi“ und das ist der Nationalsport in Afghanistan. Ich habe gelesen, dass jemand glaubt, das sei eine Metapher für den Kampf der verschiedenen Mächte um die Herrschaft in Afghanistan. Ein Ziegenkadaver, um den Reiter kämpfen und den man in einen Kreis werfen muss, um zu gewinnen. Das bedeutet im Grunde ja, dass Afghanistan tot ist. Diese Interpretation ist doch eigentlich unerhört – verstehen Sie das auch so als Metapher?

MF: Ich weiß nicht, was die Leute darunter verstehen und wie sie Struktur und Thematik des Buches dann mit ihren Worten wiedergeben. Tatsache ist jedoch, dass die Metapher „Buskaschi“ keine Erfindung von mir ist, sondern eine der afghanischen Bevölkerung. Es heißt, dass es in Afghanistan immer Kämpfe um die Macht und Herrschaft über das Land gab. Zum Beispiel war das 19. Jahrhundert in Afghanistan eine Periode, in der es verschiedene Herrscher gab. Da standen Könige gegen Könige, die sich gegenseitig blutig bekämpften und abschlachteten. Und seit der Zeit sagt man im Volksmund „Die machen Buskaschi. Ich habe diese Metaphorik nur übernommen, vertieft und erweitert. Was bedeutet das nun im engeren Sinne? Wir haben im „Buskaschi“ die Spieler, die Beute und den Kampf der Spieler um die Beute. Und natürlich wird die Beute sehr schlecht behandelt. Da gibt es eine Ziege, die getötet wird. Und dann wird der Tierkadaver von den Reitern respektlos hin- und hergerissen. Jeder versucht, die tote Ziege zu erbeuten. Wer sie dem anderen entreißt, galoppiert davon, wobei die anderen ihm nachsetzen, um sie in seinen Besitz zu bringen. Der unglückliche Umgang mit einem toten Tier ist ja ein sehr starkes Bild. Wobei das tote Tier für die Unschuld steht. Die Ziege ist unschuldig. Um dieses Bild zu betonen und zu etablieren, habe ich dann die Erfahrung des Erzählers im ersten Buch vorangestellt, wo er sich erinnert, dass eine Ziege vor seinen Augen vom Schlachter getötet wurde und er die Todesangst der Ziege in den Augen des Tieres sah. Wir haben hier also eine Ziege, die im Buskaschi-Kampf im Roman dann auch entsprechend behandelt wird. Das bedeutet, die Mächtigen spielen „Buskaschi“ um unser Land. Es ist ein existentieller Kampf, der auch auf der politischen Ebene stattfindet. Das ist aber, wie gesagt, keine Erfindung von mir, sondern ich habe das nur übernommen.

DKB: Vater und Sohn haben in Ihrem Roman ja eine sehr innige Beziehung. Der Vater ist auch Lehrmeister. Er gibt Ratschläge und seine Erfahrung an den Sohn weiter. Das gibt es zwar auch bei uns, jedoch nicht in diesem Maße und nicht so intensiv. Ist das in Ihrem Roman eine ganz individuelle Geschichte oder ist diese Vater-Sohn-Beziehung typisch für die Kultur Afghanistans?

MF: Das ist in diesem Fall eine individuelle Geschichte. Dass die familiären Verhältnisse und Bindungen in diesem Kulturkreis immer inniger sind, das ist schon klar. Im Orient ist das nun einmal so oder auch in Asien, wo das Familienleben auch im Vordergrund steht. Aber das Verhältnis von Vater und Sohn im Roman ist eine ganz individuelle Geschichte. Die hat viel mit der Entwicklungsgeschichte des Vaters zu tun. Es ist eine Geschichte der Verwandlung. Der Vater geht durch viele Phasen der individuellen Entwicklung hindurch, vom Bauernsohn zum Koranschüler und Gemüsehändler bis hin zum Freitagsimam. Thematisch wirft dies die Frage auf nach dem Guten und Naiven auf der einen Seite und dem Reichtum der Welt auf der anderen Seite auf. Es geht um den Gegensatz zwischen nacktem Sein und Haben bzw. Wohlstand und reich sein. Kann das Gute sich behaupten und bleibt in der Welt oder verliert es an Wirkung?

DKB: Was mich da auch in diesem Zusammenhang besonders fasziniert hat, sind die Unterschiede zwischen Lüge, Wahrheit und aufrichtiger Lüge, die er von Osman Khan lernt. In unserem Kulturkreis kennen wir die, wie wir sagen, „Notlüge“. Das Lügen an sich ist eigentlich höchst unmoralisch, lässt sich jedoch unter bestimmten Bedingungen rechtfertigen. Haben wir hier eine ähnliche ethische Relativität?

MF: Ja, das kann man durchaus vergleichen. Die Entwicklung des Vaters verläuft ähnlich wie im Märchen „Die kluge Else“ der Brüder Grimm. Die kluge Else – das ist die reine Unschuld. Auch der junge Scharif kann mit Lügen und allem anderen so gar nicht richtig umgehen. Und Osmar Khan schickt den Jungen dann in die Welt und bringt ihm bei, wie er gütig und dennoch erfolgreich sein kann. Das ist im Übrigen ja auch die Frage, die Brecht stellt in „Der gute Mensch von Sezuan“. Gut sein und doch überleben. Denn der gute Mensch von Sezuan wird ja auch in dieser Welt ausgebeutet. Deshalb bekommt der Vater von seinen Freunden die Frage gestellt, wir geben dir Geld und du kommst zu Reichtum und dann sollst du entscheiden, was aus dir wird. Der Anspruch des Vaters ist es, ein guter und gerechter Mensch zu sein. Und dann kommt es am Ende des 5. Buchs zu einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Sohn, wo der Sohn dem Vater vorwirft, dass nicht einmal Gott gerecht ist, und wie er dann behaupten könne, gerecht zu sein.

DKB: …ja, und er ironisiert doch, wenn er sagt, der Vater lebe nur, um gerecht zu sein.

MF: Ja, der Sohn zeigt auf den behinderten Mann da draußen und sagt, die Tatsache, dass dieser Mann behindert sei, an sich schon reiche. Warum soll er dazu noch arm sein? „Gott, die Schöpfung, ist nicht gerecht. Du selbst willst aber Gerechtigkeit erlangen. Oder besser gesagt, du willst Gott sein“, sagt der Sohn. Hier geht es um die Schlüsselfrage des gesamten Geschehens im Roman. Um sein „Buskaschi“-Spiel und den Mann, der dabei ums Leben kam. Und um die Familie dieses Mannes und wie er mit dieser Familie umgeht. Und genau diese Familie, die er ja jahrelang unterstützt, wird dann für ihn, für seine Kinder ja zu einem Schicksalsfall.

DKB: In Ihrem Roman spielen Träume eine große Rolle, insofern sie nicht nur eine katharsische Funktion haben, sondern auch in die Zukunft weisen. Scharif und auch Schaer träumen ja oft etwas, was sich dann später bewahrheitet. Sind Träume Bilder, die den Roman noch geheimnisvoller machen sollen?

MF: Nein, das gehört zu den Erzähltechniken des Romans, in dem ja vieles mystifiziert wird. Die Träume sind Mystifikationen. Doch daraus entwickelt sich eine Parallelität oder sagen wir eine Verbindung zwischen Traum, Wirklichkeit und dem Leben. Oder auch Vorahnungen um das Geschehen, Intuition. Das sind alles phantastische Elemente und Erzählstrukturen. Dann gibt es jedoch auch magische und surreale Erzähltendenzen. Traumbilder sind ja an sich surreale Elemente. Daneben gibt es auch expressionistische Erzählstrukturen. Mit anderen Worten: Wir haben hier viele verschiedene Erzählstile, die den Text prägen. Die Träume als ein wichtiges stilistisches Element haben deshalb einen so großen Anteil im Roman.

DKB: Bedeutet dies gleichzeitig auch, dass die Hinwendung zu Innerlichkeit und Intuition, das Hören auf die innere Stimme und Träume, die Möglichkeit eröffnet, sein Leben erfolgreich zu gestalten und Glück zu finden, anstatt Verstand und Vernunft zu gebrauchen?

MF: Ja, aber man muss sehen, dass dem Buch eine spirituelle Strategie zugrunde liegt. Und in diesem Zusammenhang spielen viele Elemente wie der Teppich der Mutter eine Rolle. Vor dem Anblick des Teppichs ist der Mensch sozusagen zerbrechlich, machtlos. Und auch der Teppich wird mystifiziert, weil er ja nicht nur ein Teppich, ein physisches Objekt ist, sondern vielmehr ein Medium. Er ist das kollektive, familiäre, gesellschaftliche Gedächtnis. Der Teppich der Mutter, das ist die Symbolisierung der Ehe in dieser Geschichte. Der Titel des Romans umfasst eigentlich zwei verschiedene Aspekte. Ein Aspekt dient der Orientierung der Leser, d.h. der westlichen Leser, die ja in der Regel nicht wissen, was „Buskaschi“ bedeutet. Der zweite Aspekt von „Buskaschi“ betrifft das Thematische des Romans. Und der Untertitel „Der Teppich meiner Mutter“ bezieht sich auf die Erzählkreise. Die Mitte dieses Teppichs „Buskaschi“ wird in Khandaresh hergestellt. Das ist das Zentrum der Erzählbögen, wo Mutter und Sohn fünf Tage sitzen und erzählen.

DKB: Ihre Kultur bzw. die afghanische Literatur ist ja sehr reich an Metaphern. War das eigentlich für Sie sehr schwer, diese kraftvolle Bildsprache ins Deutsche zu übertragen?

MF: Ja, das ist ein sehr komplexes Thema. Deutsch habe ich gelernt mit Anfang oder Mitte 20. Deutsch ist eine Sprache des exakten Ausdrucks und ist insofern sehr technisch, mechanisch konstruiert, z.B. was die Syntax angelangt. Ich spreche nie unbewusst. Ich spreche immer bewusst. Ich bilde die Sätze immer im Kopf. Und ich schreibe immer ganz bewusst. Ganz anders als bei einem türkischen Jugendlichen, der hier aufgewachsen ist. Der hat den Vorteil, dass er alles automatisch gelernt hat. Ich dagegen muss immer aufpassen. Ich habe dann aber aus diesem Nachteil einen Vorteil gemacht, indem ich sozusagen aus der Not eine Tugend gemacht und meine eigenen Bilder aus mir herausgeholt habe. Die Sprache besteht ja immer aus Klischees, aus Formulierungen. Wenn die Deutschen etwas sagen, ist das immer eine bestimmte Art, etwas zu sagen. Selbst wenn es Unterschiede gibt zwischen Hamburg und Bayern, es gibt immer bestimmte Sprachmuster, in denen die Leute reden. Und wenn jemand kommt und dieses Muster bricht, dann ist das meist ein Ausländer, der darüber hinaus auch noch andere gesellschaftliche Muster bricht. Und weil ich dieser Gefahr des Sprachlichen weniger ausgesetzt war, musste ich meine eigenen Bilder aus mir selbst holen. Das ist dann natürlich auch gleichzeitig ein kreativer Vorgang. Und in diesem Prozess des kreativen Schaffens traf ich auf Metaphern und Sprachbilder. Das ist Poesie. Poesie, das bedeutet immer auch die Entdeckung von Sprache, die Neuentdeckung der Sprache. Bei diesen Bildern und Metaphern handelt es sich allerdings nicht nur um Entlehnungen von anderen, also z. B. um Bilder, die ich aus dem Kulturkreis des Orients genommen hätte. Nein, die Metaphern, die ich gebrauche, sind vielmehr meine eigenen Entdeckungen. Sie sind meine Erfindungen. Das ist das eine. Und das andere ist die Sprache, der Erzählstil, der ist schon eher orientalisch, aber die Struktur des Textes, die Komposition, ist exakt nach einem deutschen Sprachmuster ausgerichtet. Das heißt, wir haben hier einen sehr stark komponierten Text, der in der Art der deutschen Tradition inszeniert ist. Alles ist sehr genau durchdacht. Und dann kommt da noch ein letzter Punkt hinzu, wobei auch hier noch eine weitere Tradition mitspielt. Und so sind die Erzählbögen, die wir hier im Roman finden, Ausschweifungen. Aus deutscher Perspektive gilt es als Schwäche, wenn man viele Ausschweifungen macht. Die Deutschen sind exakt. Sie wollen das Ergebnis, das Produkt und die Folgen sehen. Sie verzichten auf Ausschweifungen und Schwärmen, anders als die slawische Art, die ich ja auch miterlebt habe. Und insofern weist der Roman auch ein slawisches Erzählelement auf.

DKB: Sie haben ja auch im Auftrag des Goethe-Instituts eine Auswahl der Märchen der Brüder Grimm übersetzt. Haben Sie selbst diese Märchen ausgesucht oder wurde Ihnen die Auswahl vom Institut vorgegeben? Und wie haben Sie diese Märchen erlebt im Vergleich zu Ihrer eigenen reichen heimatlichen Poesie?

MF: Das war eine sehr großartige Erfahrung für mich in die andere Richtung. Es gibt einen Artikel hierüber in der „Süddeutschen Zeitung“ in dem es heißt: (MF holt den Artikel hervor und zitiert) “Mit seinem Debüt des Familienepos „Buskaschi“ holt der in Deutschland lebende Afghane seine ebenso schöne wie geschundene Heimat ins deutsche Wohnzimmer…“ Das ist ziemlich auf den Punkt gebracht. Nur an ein deutsches Wohnzimmer habe ich dabei nicht gedacht. Bei der Übersetzung der Brüder Grimm ging das in die entgegengesetzte Richtung, wo ich ein Stück deutscher Kultur den afghanischen Menschen näherbrachte. Eine sehr interessante interkulturelle Begegnung. Der Übersetzung lag die Reklam-Ausgabe der Brüder Grimm zugrunde, ein dickes gelbes Buch. Im Afghanischen wurden dann aber zwei Bände daraus. Es liest sich alles wie Poesie. Und jemand, der beide Ausgaben kennt, hat mir einmal gesagt, dass seiner Meinung nach die Übersetzung sogar noch schöner ist als das wunderbare Original.

DKB: Welches der Grimmschen Märchen gehört denn zu Ihren Favoriten?

MF: Also gut, das sind so Märchen, die alle mögen. Bestimmte Märchen sind ja sehr bekannt. Jeder kennt und mag sie einfach. Aber ich habe ja vorhin bereits schon ein Märchen erwähnt, das wohl nur wenige Leute kennen, „Die kluge Else“. Dieses Märchen ist für mich zutiefst philosophisch. Natürlich ist auch „Dornröschen“ in philosophischer Hinsicht durchaus interessant. Aber „Die kluge Else“ ist philosophisch einfach eine sehr starke Aussage über die Situation, in der sich unsere Welt befindet. Weil dieser naive, unglaublich unschuldige und sentimentale Mensch in einen Wald geht und sich verirrt und niemand von ihm jemals wieder etwas hörte oder sah. Das ist so wie bei der Menschheit. Das Unschuldige ist verschwunden, wie in einem tiefen dunklen Wald versunken.

DKB: Haben wir hier womöglich mit dem Verlust unserer Naivität, unserer Unschuld, gleichzeitig auch das Paradies verloren und sehnen wir uns deshalb womöglich so sehr danach, es wiederzuerlangen?

MF: Lassen Sie mich an dieser Stelle etwas Aktuelles sagen. Es ist sehr, sehr erbärmlich, wenn die Menschen von einem Paradies nach dem Tode reden, wie das die Religion tut. Oder wenn Menschen hier auf Erden bereits ein Paradies für sich aufbauen und sagen „Ich bin glücklich, weil ich eine Familie und genug Geld habe und es mir gut geht.“ Und gleichzeitig ist diese Welt der Glücklichen, Zufriedenen und Satten nicht dazu in der Lage, nur ein paar tausend Flüchtlinge aufzunehmen, die da draußen auf dem Meer dahin treiben? Das ist in Asien so, das ist hier so. Die Erde ist nicht bereit, ihre eigenen Kinder aufzunehmen. Das ist eine große Schande für die gesamte Menschheit, für die gesamte Zivilisation. Dass sich nirgendwo eine Stimme erhebt und sagt: „Was ist nur aus uns geworden!“ Und insofern ist dieses Paradies nicht nur eine äußere Erscheinung. Die Christen haben ein Bild vom Paradies, das sehr patriarchalisch geprägt ist. Gott ist ein alter Mann, der von den Engeln umgeben ist. Das islamische Paradies ist demgegenüber sehr obszön, sehr pervers, weil für die Kämpfer, die ins Paradies kommen, immer genügend erlesener Wein fließt und sie in den Armen schöner Jungfrauen liegen. Nein, ich sage Ihnen, das wahre Paradies ist verloren gegangen. Das wahre Paradies ist, dass der Mensch seine Würde hat sie geachtet wird. Und dazu gehören auch die Tiere der Schöpfung, die ihre eigene Würde haben.

DKB: Was wollten Sie mit Ihrem Roman erreichen, außer dass er uns erfreut, dass er uns eintauchen lässt in eine fremde Kultur?

MF: Ich wollte am Beispiel Afghanistans etwas über die Weltsituation sagen. Über die Welt, woher sie kommt, durch welche Konflikte sie gegangen ist und was aus ihr geworden ist. Und was wir heute erleben, international als Herausforderung durch den Islamismus, IS usw. Dazu kommt der Blick darauf, was wir noch erleben werden. Und wenn Sie mich fragen, es wird noch schlimmer werden. Wer in diesem Buch eine Lösung sucht, der findet im Roman meines Erachtens eine Antwort auf all diese Fragen. Wer aber Reformen des Islams fordert, der muss sich fragen lassen, was es heißt, dass der Islam sich reformieren soll. Der Islam wurde gelebt wie alle anderen Religionen in den 60ziger und 70ziger auch. Man muss wissen, dass am Anfang in Afghanistan nicht die Religion, nicht der Islam stand, sondern die Kommunisten, die einen Putsch gegen das herrschende Regime machten. Da gab es Afghanen, die drei bis vier Jahre lang, von Anfang 1978 bis Anfang 1982 erbitterten Widerstand geleistet haben. Diese Afghanen wussten nicht einmal, dass sie einen Dschihad machten. Sie kämpften gegen die Regierung, nur weil sie verbrecherisch war. Es ging ihnen dabei gar nicht um Islam und Dschihad. Die Dschihadisten wie auch die Idee des Dschihads selber kamen erst sehr viel später. Ähnlich war die Situation im Iran. Auch da ging es am Anfang gar nicht um den Aufbau eines islamischen Scharia-Staates. Chomeini hat gesagt: „Die Marxisten haben Freiheit. Wir wollen Demokratie. Wir alle wollen frei sein!“ Das war überhaupt nicht islamistisch gedacht. Die Entwicklung in Afghanistan und im Iran ist ein Produkt der 80ziger Jahre. Daraus sind dann hauptsächlich nach dem Irak-Krieg andere Strömungen und Entwicklungen entstanden. Wenn man das alles im Zusammenhang betrachtet, dann weiß man schon, wie die Situation entstanden ist. Dann kann man auch eine Antwort finden auf Pediga und alle anderen, die gegen den Islam demonstrieren. Also, dass das Buch aufschlussreich sein und viele Informationen geben soll, das ist vor allem mein Anliegen. Mir geht es darum, Wissen und Informationen zu vermitteln. Mir geht es um die Inhalte.

DKB: Wenn Sie jetzt für Ihren Roman, der ja ungefähr mit Ihrer Ankunft hier in Deutschland endet, einen zweiten Teil schreiben müssten, wir würden Sie den betiteln?

MF: Für mich sind literarisch betrachtet die Helden immer die, die auf der Seite der Verlierer standen. Das heißt, seit Cervantes haben wir eine literarische Tradition, die die Verlierer der Gesellschaft in den Fokus rückt. Und in „Buskaschi“ ging es um das Verhältnis zwischen dem Individuum, dem einzelnen Menschen, und der politischen Macht in Afghanistan. Zwei Welten prallen hier aufeinander. Die eine ist die kleine idyllische Welt der Familie, die andere die große Welt der politischen Ereignisse. Und wenn diese beiden Welten zusammenprallen, dann gerät die kleine beschauliche Welt der Familie unter die Räder der Geschichte. Das war stets so. Im Krieg ist das immer so. In Syrien passiert das gerade und im Irak, in Jugoslawien geschah es so vor einigen Jahren. Das kleine Glück der Familie geht zugrunde, wenn die politische Macht kommt und die Menschen packt. Das Verhältnis zwischen individuellem Familienleben und der Machtpolitik, das war das Hauptthema dieses Buches. Und in der Fortsetzung, einmal angenommen, es gäbe eine, ginge es mir darum, eine Figur, einen Charakter zu zeichnen, der alle diese Unterschiede sieht, die Kluft zwischen Reichtum und Macht auf der einen Seite und der Ohnmacht der Verlierer auf der anderen Seite. Wie kann der Mensch damit umgehen? Wie ist das passiert, dass dies alles für uns zur Normalität wurde? Dass wir uns daran gewöhnen? Als ich zum ersten Mal vom IS hörte, da war ich schockiert, obwohl ich das irgendwie immer erwartet hatte. Und heute werden diese ungeheuren Grausamkeiten für uns zu einer Normalität. Wie können wir Menschen uns nur an solche furchtbaren Katastrophen gewöhnen, ohne laut aufzuschreien? Und so denke ich an eine intellektuelle Figur, die vielleicht ein Schriftsteller ist. Und diese Figur wird dann mit den verschiedenen Gegensätzen der Welt konfrontiert. Und dann sind da natürlich auch viele spirituelle Fragen ganz wichtig für mich, wie z.B. die Frage nach dem Glück. In der westlichen Tradition definiert man ja glücklich sein immer mit dem Haben. Wenn jemand viel Geld hat und eine Familie, wenn er jung und schön ist, dann ist das jemand, der glücklich ist. Das ist immer direkt mit dem Haben verknüpft. Aber wenn man nach Asien geht, zum Beispiel nach Thailand, dann ist die Frage des glücklich sein immer mit dem Sein verbunden. Und dann trifft man auf Menschen, die gar nichts haben und dennoch glücklich sind oder gütig leben. Das sind so viele Fragen, die auch miteinander zusammenhängen. Das würde mich sehr interessieren.

DKB: Aber eine Fortsetzung des Romans ist noch nicht konkret geplant oder?

MF: Also, es gibt gewisse thematische Überlegungen. Aber bis ein Projekt daraus wird, das dauert. Ich muss erst noch viele Fragen, viele philosophische Themen für mich lösen. Dann gibt es darüber hinaus Fragen der Komposition, Fragen der Ausgestaltung der literarischen Figuren, die Frage der Erzählperspektive und des Erzähltempos. Also da gibt es noch ganz viele Fragen, die ich zunächst klären muss, bevor ich anfange, etwas zu schreiben.

Herr Faryar, vielen Dank für das Interview.

 

Lesung:

30.Juni 20 Uhr
Brecht Haus
Chausseestrasse 125
Berlin-Mitte

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