Interview mit Jussi Adler Olsen

image

Tumultartige Szenen spielten sich am Stand des Buchverlags dtv auf der Leipziger Buchmesse ab: Jussi Adler Olsen signiert seine Bücher und zahlreiche Fans stehen Schlange. Wir hatten das Vergnügen, ein Interview mit dem Bestsellerautor machen zu können.

DKB: Wie kamen Sie zu der Idee für den Fall in Ihrem neuen Roman „Verheißung“, den das Sonderdezernat unter Leitung von Carl Mørck lösen soll?

JAO: Das war in Barcelona, wo ich eine Wohnung habe. Es gab dort einige Programme, die man über eine Hotline buchen konnte. Eines dieser Angebote war ausschließlich für Homosexuelle bestimmt. Das andere war genau das Gegenteil, weil hier versucht wurde, Personen auszuschließen, bei denen der Eindruck bestand, dass sie schwul waren. Gleichzeitig kam mir der Gedanke, dass es so viele esoterische Dinge in unserem Alltag gibt, an die wir alle glauben. Dreimal auf Holz klopfen, schwarze Katzen bedeuten Unglück und anderes mehr. Wie immer man dazu steht, man muss auch eben respektieren, dass manche Menschen auch bei esoterischen Dingen auf Sicherheit angewiesen sind. Sicherheit, darum geht es. Geld, Ehe, Kinder und anderes mehr.

DKB: Ihr neuer Thriller führt ja in die spirituelle Welt der alternativen Religionen. Sind sie wohlmöglich selbst ein spiritueller oder religiöser Mensch?

JAO: Also, zumindest bin ich nicht religiös im herkömmlichen Sinne. Ich wuchs als Protestant in der dänischen Gesellschaft auf. Ich respektiere die verschiedenen Religionen sehr. Ich habe mein Kind taufen lassen. Ich wurde auch konfirmiert. Aber mein Glaube an Gott ist doch wohl eher esoterischer Natur. Wenn es Gott wirklich gibt, dann muss er wohl sehr groß sein. Und er oder sie hat es überhaupt nicht nötig, von mir verehrt oder angebeten zu werden. Nein, bei mir ist das anders. Ich lehne einfach meinen Kopf zurück und atme tief ein. Andererseits, egal welche Rituale die Leute praktizieren oder welcher Religion sie angehören, ich habe damit überhaupt kein Problem.

DKB: Der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass ein Autor über viel Empathie verfügen muss. Wie schaffen Sie es, sich in einen Täter hineinzuversetzen?

JAO: Ja, da hat er recht. Aber ich weiß offengestanden nicht, ob das jetzt speziell nur für einen Autor gilt. Meiner Meinung nach sollte jeder Mensch über Empathie verfügen. Empathie ist das wichtigste Gefühl der Welt. Das wurde mir schon in der psychiatrischen Klinik beigebracht, wo ich aufwuchs. (Jussi Adler Olsens Vater arbeitete als Psychiater in einer Klinik, auf deren Gelände die Famile zeitweise wohnte, DKB). Empathie ist das erste, was ich meinem eigenen Kind zu vermitteln versuchte. Aber man kann wiederum auch so empathisch sein, dass es zum Problem wird. Ich habe da jedenfalls ein Problem. Für mich ist es schwierig, an einem Bettler vorbei zu gehen, ohne ihm etwas zu geben. Aber möglicherweise lügt er mir ja etwas vor. Empathie bedeutet ja, dass Sie sich in die Situation eines anderen Menschen hineinversetzen können. Aber es bedeutet gleichzeitig auch, dass Sie diesem Menschen helfen wollen. Wenn ich mich nun beim Schreiben in einen Mörder hineinversetze, dann will ich dem natürlich nicht helfen. Oft wird der Mörder deshalb am Ende auch getötet. Das ist dann meine ganz persönliche Rache dafür, dass er keine Empathie besitzt. Sich in jemanden hineinversetzen, heißt andererseits eine bestimmte Gestalt annehmen. Ich meine, ich schreibe und bin dann eben diese Person und teile ihre Sicht der Welt. In meinem ersten Roman “Erbarmen”, wo es diese Frau im Käfig gab, das war sicherlich nicht schön, vier Monate lang so zu verbringen. Aber es sind nur Gestalten, Figuren, Charaktere, darum geht es. Es ist wie bei einem Schauspieler. Ich spiele eine Rolle.

DKB: Welche Persönlichkeit /Autor/Autorin aus der Vergangenheit hätten Sie gerne einmal getroffen?

JAO: Oh ja, da gibt es offen gestanden viele. Aber ich glaube, John Steinbeck verehre ich am meisten. Seine Romane sind einfach unglaublich. Und was er schreibt, ob man da „Die Perle“ nimmt oder einen anderen seiner Romane, er schreibt einfach unglaublich gut. Und darüber hinaus ist er ist ein Meister des Humors und der Sozialkritik. Ich hätte ihn gerne umarmt und gesagt, dass ich traurig bin, dass er nicht mehr unter uns ist. Ich liebe alle seine Bücher.

DKB: In Ihrem packenden Thriller „Verachtung“ haben Sie einige wahre Ereignisse in Dänemark aus den Jahren 1929 bis 1967 verarbeitet. Sie schildern in Ihrem Roman, dass Ausländerfeindlichkeit und Behindertenausgrenzung auch heute lange nach dem Naziregime immer noch ein Thema sind. Glauben Sie, dass solche Tendenzen nicht auszurotten sind?

JAO: Ja, das stimmt schon. Und es gibt logische Gründe dafür. Ich glaube, es geht immer irgendwie grundlegend um den Missbrauch von Macht. Wer z.B. als Kind erfahren hat, dass die eigenen Eltern ihre Macht als Erzieher missbrauchen, wird mit Sicherheit radikalisiert werden. Unter Machtmissbrauch verstehe ich hier, dass man den Kindern nicht genügend Liebe gibt, sich nicht um sie kümmert oder in anderer Weise ihren Bedürfnissen nicht gerecht wird. Aber in einer breiteren gesellschaftlichen Perspektive geht es dann natürlich um den Missbrauch politischer Macht z.B. in einer Diktatur. Alle meine Bücher handeln davon, dass Macht missbraucht wird und Menschen diesem Missbrauch zum Opfer fallen und sich dann radikalisieren. Radikalisierung ist die schlimmste Seite des Missbrauchs von Macht. Aber wie lassen sich solche Dinge verhindern? Das ist eine ganz schwierige Frage. Ich glaube, wir müssen die richtigen politischen Führer wählen. Nur so kann es gelingen. Neben Sie z.B. ein Land wie Dänemark, wo ja in der Regel durchaus demokratische Verhältnisse herrschen. Aber für eine Zeitlang war Anders Fogh Rasmussen unser Ministerpräsident. Ein Extremer, der die dänische Bevölkerung durch seine ridige Ausländerpolitik radikalisiert hat. Meine Antwort darauf, wie man mit solchen Entwicklungen umgehen sollte, ist der Versuch, die Radikalisierung mit Humor zu überbrücken. Das bedeutet, dass die Menschen, die z.B. keine Immigranten mögen, die Romanfigur des Assad lieben müssen. Aus diesem Grunde öffnen sie dann ihre Augen. Und in Dänemark ist ziemlich viel passiert gerade wegen dieses Assad. Aber wir müssen immer aufgeschlossen sein und mit offenen Augen durch die Welt gehen, vor allem wenn es um die Wahl unserer Politiker geht.

DKB: Sie greifen ja auch immer wieder soziale Missstände, politische Korruption und Verbrechen in der Finanzwelt auf. Ist das ein Bedürfnis für Sie bzw. halten es für Ihre Pflicht, solche Zustände beim Namen zu nennen? Erhoffen Sie sich davon, dass die Leser achtsamer werden?

JAO: Ja, da habe ich durchaus große Hoffnungen. Es stimmt, ich kritisiere Missstände sehr offen. Aus diesem Grund bin ich auch Carl Mørck. Ich meine, ich sage da immer ganz offen meine Meinung. Für mich fängt der Missbrauch von Macht schon im Kleinen an. In der Psychiatrie etwa, wo sich die Ärzte nicht richtig um die Ihnen anvertrauten Menschen mit Behinderungen kümmern. Später habe ich dann erkannt, dass Machtmissbrauch auf allen Ebenen der ganzen Gesellschaft vorhanden ist. Ja, es stimmt schon. Diese Zusammenhänge aufzudecken und beim Namen zu nennen, halte ich in gewisser Weise für meine Pflicht. Aber ich verbinde das Kritische immer mit einer Portion Humor.

DKB: Wenn man so viele Erfolge hatte wie Sie, gibt es da überhaupt noch ein besonderes Projekt, das man verwirklichen möchte? Vielleicht möchten Sie einmal ein Drehbuch schreiben?

JAO: Oh ja. Das würde ich schon einmal gerne tun. Das Problem ist nur, für ein gescheites Drehbuch braucht man normalerweise mindestens ebenso viel Zeit wie für einen Roman. Und das Bücherschreiben ist nun einmal wichtiger für mich. Außerdem kriegt man dafür mehr Geld. Nein, ganz im Ernst, das ist natürlich nicht der Grund. Ich habe in Dänemark an der Universität Filmwissenschaft studiert. Da muss man viele Drehbücher lesen, und ich habe auch eine ganze Menge geschrieben. Aber für die zwei Verfilmungen, die es von meinen Büchern gibt, hätte ich gerne das Drehbuchschreiben selbst übernommen, denn die Drehbücher sind nach meiner Meinung nicht überzeugend gewesen.

DKB: Hat Sie die Verfilmung Ihres Romans „Erbarmen“ überzeugt ?

JAO: Nein, überhaupt nicht. Furchtbar. Ganz furchtbar. Klar, es ist ein Film. Der ist als solcher vielleicht ganz gut gemacht. Aber das tiefe Eindringen in die Charaktere der Protagonisten, das ist doch das Wichtigste in allen meinen Büchern. Man muss doch den Lesern verständlich machen, worum es bei dem Projekt geht, d.h. man muss die Geheimnisse, die die drei Personen miteinander verbinden, mit in den Film hinein nehmen. Und genau das ist einfach nicht da. Klar, man kann sagen, okay, der Film ist das Baby und ich bin der Autor. Aber so ist es eigentlich nicht. Es ist schon möglich, ein gutes Drehbuch schreiben. Ich habe einmal ein Drehbuch von einem Autor gesehen, wo das erfolgreich geklappt hat. Das war „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ von John Irving. Der hat das Drehbuch selbst geschrieben.Und er hat volle zwei Jahre dafür gebraucht und ist in der Zeit zu nichts anderem mehr gekommen. Deshalb kommt das für mich nicht infrage. Für ein Theaterstück braucht man nicht so lange. Vor vielen Jahre habe ich einmal an einem Wettbewerb teilgenommen und von 200 Teilnehmern landete ich auf den dritten Platz. Aber wenn ich gewonnen hätte, dann wäre ich Drehbuchschreiber geworden und kein Romanschriftsteller.

DKB: Das wäre ein großer Verlust gewesen! Jussi Adler Olson, herzlichen Dank für Ihre Zeit und dieses Gespräch.

Send this to friend