Interview mit Ezra Furman

image

Am 16. September hatten wir das grosse Vergnügen, mit etwa 30 anderen Nasen im Stall 6 den im Energie-Rausch musizierenden Ezra Furman und seine Band „The Boyfriends“ zu sehen und wurden erschöpft zurückgelassen. Wie Kanonensalven liess er seine manisch vorgetragenen, oft rasanten Rock n Roll Perlen durch’s Stalldach krachen. Selten war ich Zeuge eines solchen Grooves und Zusammenspiels. Und weil es so verdammt gut war, mussten wir ihm im Nachhinein noch ein Email-Interview zukommen lassen:

Q: Wenn ich dein fantastisches Album “Day of the dog” höre, fühlt es sich an wie pure Energie. Nichts ist schal, sogar langsamere Songs wie “My Zero” sind energetisch und fühlen sich lebendig und frisch an. War das Absicht oder kam es „natürlich“? War es ein logischer Schritt nach dem ruhigen und intimen „The year of no returning“ oder wurden diese beiden Albem zusammen geschrieben* und einfach separat veröffentlicht?

A: Nein, sie wurden total unabhängig voneinander gemacht, mit fast komplett anderen Musikern. Ich denke, ich musste das leisere Album einfach mal rausbringen bevor ich mit einem Knockout-Punch wie „Day of the dog“ kommen konnte. Manchmal macht es mir Angst, dass ich nur schnelle Bar-Band Musik schreiben kann, also muss ich immer weiter intime Songs schreiben. Ich habe dieses Paul Westerberg-ische Bedürfnis beides zu machen, laute und leise Musik. (Nachtrag: Paul Westerberg war Sänger und Kopf der 80er Kultband „The Replacements“, lohnendes Reinhören)

Q: Was brachte dich dazu, so ein lautes und schnelles Biest von einem Album aufzunehmen?

A: Jedes Mal wenn ein Album fertig gestellt ist, beginne ich es sofort gnadenlos zu kritisieren. Ich weiss nicht weshalb, aber sobald ich keine Möglichkeit mehr habe, etwas zu ändern, beginne ich zu verstehen was ich alles hätte radikal anders machen sollen. Nach „The year of no returning“ wunderte ich mich, weshalb alles so ruhig und trübselig ist wenn doch das, was ich im Moment wirklich zu geben hatte in meinem Leben rasende Energie ist. Dieses Gefühl wurde verstärkt, als ich eine Touring-Band formte, die Boy-Friends, und es sich herausstellte dass sie grossartig darin waren, wilden und rasanten Rock n Roll zu spielen. Wir spielten Cover-Stücke wie „Please Mr. Postman“ und ich wusste, ich musste ein wildes Rock n Roll Album mit den Jungs aufnehmen. Und das haben wir dann gemacht.

(bezüglich wildem und rasantem Rock n Roll gibt’s keine offenen Fragen mehr)

 

Q: Waren die Boyfriends bereits zuvor als Band zusammen? Ihr Sound fühlt sich so homogen an und sie haben einen fantastischen Groove vom ersten Moment der Show an. Das ist ein ziemlich rares Ding.

A: Wir haben uns im März 2012 zusammen getan und tourten lange durch die U.S. in diesem Jahr, in spärlich besetzten, lauten, kleinen Clubs. Wir alle haben schon in einigen Bands gespielt davor. Als Veteranen sozusagen, nach Monatigem Zusammenspielen in diesen wilden Shows, wurden wir ziemlich gut. Dann haben wir das Album im Januar 2013 zusammen aufgenommen. Aber du hast Recht, ich kann mich glücklich schätzen eine solch gute Band zu haben. Sie haben mein Leben verändert.

Q: Live noch mehr als auf deinem letzten Album, hat man das Gefühl, als hätte der Teufel selbst Besitz von deiner Seele ergriffen und du versuchst ihn mit deiner ganzen Kraft zu bekämpfen. Ist Musik für dich eine Heilung für die geschundene Seele?

A: Ich bin mir nicht sicher ob Musik spielen überhaupt eine heilende Wirkung auf mich hat, aber es ist ein Ort, wo ich all meine Energie, negative wie auch positive, bündeln kann. Manchmal denke ich, ich sollte positivere Musik spielen, dass ich den Menschen mehr geben könnte wenn ich Musik machen würde die fröhlich macht, anstelle all dieser Dunkelheit. Aber das Gute an der Kunst ist, dass sie etwas Reales transportieren kann. Zuzuschauen wie ich meine Dämonen bekämpfe mag vielleicht befriedigender sein als wenn ich alle Dunkelheit aus meiner Musik löschen würde. Vielleicht scheine ich in einigen Nächten gequälter zu sein als in anderen. In Zürich habe ich sicherlich ziemlich dunkle Kräfte bekämpft, so wie an vielen Nächten auf der Tour.

Q: In den Liner Notes zu “The year of no returning“ (ein weiteres, sehr gutes Album) erwähnst du dass Kultur / Vertrauen / Liebe und vielleicht Seele ein rares Gut in der westlichen Welt geworden ist und dass das Album auch ein Statement gegen die Abstumpfung und Verblödung durch Werbung und Konsumrausch ist. Wie fühlst du dich, in „Corporate America“ zu leben? Gibt es einen Ort wo du lieber leben würdest als dort?

A: Ich weiss nicht ob ich es so sagen würde. „Seele“ ist nicht zwingend rar, es ist einfach schwierig, sie zu sehen. Das Album war als Protest gedacht, gegen das was uns gegenüber unserer Menschlichkeit unempfindlich macht. Aber ich bin froh, in den USA zu leben. Die Vergiftung durch die „Wirtschaft“ ist mittlerweile so ziemlich überall. Ich denke nicht, dass es Hoffnung gibt ihr zu entkommen oder sie zu ignorieren. Ich hoffe nur, dass ich weiterhin so leben kann, dass es eine Gegenhaltung ausdrückt.

Q: Du hörst dir viel andere Musik an, welche du auch in deinem Blog empfiehlst. Hast du für uns ein, zwei spezielle Empfehlungen von unbekannten Bands die mehr Aufmerksamkeit verdienen als sie bekommen?

A: Tristen, eine grossartige Singer/Songwriterin aus Nashville ist die Erste die mir in den Sinn kommt. „Krill“ ist ein weiterer Liebling, das ist die Band meines Bruders. Die sind aus Boston. Aber es gibt noch so viele mehr. Bitte hör dir die beiden jedoch an, sie sind wirklich speziell.

(No one’s gonna know, ein toller Einstieg in Tristen’s letztes Album „Caves“, ein Ausflug in überwiegend kühle Elektro-Pop Gefilde)

Q: Du kommst ziemlich weit herum. Gibt es einen speziellen Club, eine tolle Bar oder Halle die dich am meisten beeindruckt hat? Welches ist ein Ort wo du unbedingt wieder spielen möchtest?

A: Ich werde mich immer zugehörig fühlen zum **„Bottle Tree“ in Birmingham, Alabama. Es ist einfach ein wundervoller Ort mit einer grossartigen Atmosphäre. Und sie behandeln die Bands korrekt. Ihre Gastfreundschaft ist beispiellos.

 Q: In welche musikalische Richtung zieht es dich im Moment? Du scheinst noch immer verliebt zu sein in diesen rohen Rock n Roll Sound und ins Saxofon (was definitiv einer der Gründe ist, weshalb „Day oft he dog“ ein solch grosses Album ist). Hast du Ideen wie es weiter geht?

A: Wir sind fast fertig mit der neuen LP. Es ist vielleicht noch zu früh um viel darüber zu erzählen. Wie gesagt, ich kann keine Platte zweimal hintereinander machen. Wir haben uns in eine spannende Richtung entwickelt. Mein Ziel war es, mich selbst zu überraschen und ich würde sagen, genau das habe ich gemacht. Mein zweites Ziel war es, ein paar richtig tiefe Töne zu singen. Ich probierte ein paar neue Drogen und jetzt liebe ich diese tiefen Töne. Also wird es ein paar davon geben. Wir hoffen, dass du sie magst. Und ja, das Saxofon ist noch immer mit von der Partie. Tim scheint besser und besser zu werden, jedes Mal wenn er eins zur Hand nimmt.

 

*Beide kamen 2013 auf den Markt

** guckt man sich das Programm des Bottle Tree mal an, wäre es wohl mein Stammclub in Birmingham, Alabama (wo ich zum Glück nicht wohne)

 

(Ezra Furman als Alternative-Rocker? Sein Bruder erinnert stimmlich doch ziemlich an ihn… der rohe Sound ist ziemlich cool)

Send this to friend