INTERVIEW MIT ESHKOL NEVO

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Wir haben uns sehr gefreut, auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse, den israelischen Schriftsteller Eshkol Nevo zum Interview treffen zu können.

DKB: Herr Nevo, Ihre Romane bringen uns jedes Mal den Alltag der Menschen in Israel näher, ihre Sehnsüchte vor allem nach Liebe und Zugehörigkeit. Diesmal ist Ihr Roman „Die einsamen Liebenden“ eine herrliche Komödie geworden. Woher haben Sie ihre Inspiration dazu genommen?

Eshkol Nevo: Aus der Realität, aus dem wirklichen Leben. Ich arbeitete damals in einem Viertel, in dem es viele russische Immigranten gab. Mein Vater hatte dort eine kleine Wohnung. Da war ich also hingekommen, um zu schreiben. Die russischen Einwanderer waren alle ziemlich alt, so um die 70 Jahre oder älter und überhaupt nicht religiös. Manche von ihnen waren nicht einmal jüdisch, denn sie hatten, wie ich beobachten konnte, Weihnachtsbäume, statt „Chanukkah”, was ein symbolträchtiger achtarmiger Glasleuchter ist. Also, das war alles ganz normal dort. Und eines Tages bauten sie ein „Mikwe“, ein Tauchbad, und das in einer höchst antireligiösen Gegend. Das war alles schon sehr, sehr komisch. Denn es geht hierbei ja nicht bloß um den Gegensatz von Religiosität und Nicht-Religiosität, sondern auch um das Alter. Und zwar in einer durchaus delikaten Weise. Ein Tauchbad ist für Frauen gedacht, die ihre Menstruation hinter sich haben. Und dann gehen sie dorthin, um sich rituell zu reinigen. Und wenn sie dann wieder herauskommen, dann weiß die ganze Straße, dass sie gleich Sex mit ihrem Ehemann haben werden. Jetzt ist Sex erlaubt, denn jetzt ist sie ja rein, sauber. Aber das Alter der Frauen in meiner Nachbarschaft spielte bei der ganzen Sache keine so große Rolle. Jedenfalls traf der Bürgermeister bei uns eine dumme Entscheidung. Und so begann ich mein Buch zu schreiben. Ich stellte mir da eine Geschichte vor, die diese dumme Entscheidung erklärt. Dann wurde die Sache jedoch komplizierter. Es wurde interessanter und immer tiefgründiger und entwickelte sich schließlich zu einer Geschichte, die Komödie und Tragödie zugleich ist.

DKB: In Ihrem Roman kommen ja Juden aus Russland nach Israel, die hoffen, im Rentenalter noch einmal neu beginnen zu können. Und da ist dieser Bürgermeister, der sich so viel von der Ankunft der neuen Bewohner und vor allem auch persönlich eine neue Liebe erhofft hat. Beide Seiten werden jedoch anfangs enttäuscht. Erst ein Kompromiss lässt die Protagonisten zufrieden zurück. Sollten wir besser dazu in der Lage sein, Kompromisse einzugehen?

Eshkol Nevo: (lacht). Na ja, zunächst einmal bin ich mir da gar nicht so furchtbar sicher, ob sie am Ende alle glücklich und zufrieden sind. Oder besser gesagt, ob es da am Ende ein Happy End gibt. Aber ja, es stimmt schon, sie gehen aufeinander zu, machen Kompromisse. Die Geschichte der Zuwanderung russischer Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel ist komisch und tragisch zugleich. Als ich in den 1980ziger Jahren noch ein Kind war, standen wir auf den Straßen und hielten Schilder hoch, auf denen geschrieben stand: „Lass mein Volk ziehen!“ – was bedeutete, dass die kommunistische Sowjetunion den russischen Juden erlauben sollte, nach Israel auszuwandern. Denn das war ihnen ja nicht erlaubt. Man nannte das den „Eisernen Vorhang“. Den gab es bei Ihnen in Berlin oder in Deutschland ja auch, wo es den Menschen verboten war, in den Westen zu ziehen. Also, wir hatten uns sehr gewünscht, die russischen Menschen bei uns zu haben, und auf einmal kamen sie. Um auf den Roman zurückzukommen, da gibt es diesen Bürgermeister und seine Phantasien. Immer wieder stellt er sich ja dieses blonde russische Mädchen vor, diese Marina. Sie wird kommen, da ist er sich sicher. Ohne Zweifel würde sie sich in ihn unsterblich verlieben und ihn von der lieblosen Ehe, die er führt, befreien. Und als die Immigranten dann schließlich kommen, da steigen da lauter alte Babuschkas aus dem Bus. Klar, dass der Mann da enttäuscht ist. Aber politisch betrachtet, was tatsächlich mit den russischen Einwanderern passierte, war, dass sie alle ziemlich erfolgreich waren und es zu etwas gebracht haben. Das waren fleißige, intelligente Menschen. Und sie erachteten sich im Vergleich zu den einheimischen Israelis als keineswegs geringer. Ja, bisweilen blickten sie sogar ein wenig auf die Einheimischen herab, so in der Art: „Wir sind das Volk Puschkins, ihr aber seid bloß irgendwelche einfachen mediterranen Anrainer.“ Und das gab dann letzten Endes Anlass zu vielen Feindseligkeiten im Süden Israels. Während der gesamten 90ziger Jahre gab es diese Ghettos, in denen nur Russisch gesprochen wurde. Die Einwanderer dort suchten keinen Anschluss, blieben für sich und heirateten auch nicht. Das hat sich zum Glück inzwischen alles geändert. In meinem Roman spielt ein Orchester zur Begrüßung der Einwanderer. Und dann kommen die ganzen Babuschkas aus dem Bus. Und unser Bürgermeister ist furchtbar enttäuscht und beschließt, sie alle zu verbannen.

DKB: In Europa wollen viele vor dem Krieg geflüchtete Menschen auch einen Neuanfang. Dies hat zu der oft zitierten Flüchtlingskrise geführt und ist eine Tragödie, weil sich die meisten europäischen Länder weigern, die Geflüchteten aufzunehmen. Was würden Sie den aufnahmeunwilligen Europäern sagen?

EN: Ich glaube nicht, dass ich als Israeli befugt bin, anderen Ländern Ratschläge zu erteilen oder dies auch könnte. Ich kann Ihnen aber etwas von meinem Land erzählen. Und vielleicht verstehen Sie dann, was ich über Deutschland denke. Davon einmal ganz abgesehen, glaube ich grundsätzlich, dass Israel eine moralische Verpflichtung aufgrund seiner Geschichte hat, weil die jüdischen Menschen verfolgt wurden, heimatlos waren und sich viele Tausend Jahre lang nach einer Heimat sehnten. Ich glaube, dass Israel hier eine Verpflichtung hat, wenn Flüchtlinge in unser Land kommen. Und es gibt Menschen bei uns, die sind aus Afrika geflohen. Wir haben sogar syrische Flüchtlinge, die an unserer Grenze um medizinische Hilfe bitten und diese auch erhalten. Obwohl es politisch problematisch ist, Israel ist kein Land wie andere Länder. Es ist eben nicht Mazedonien oder Ungarn. Es ist Israel. Das heißt, aufgrund unserer Geschichte glaube ich, dass man sich da als Jude nicht einfach aus der moralischen Verpflichtung herausschleichen kann, Flüchtlingen und notleidenden Menschen zu helfen.

DKB: Das alltägliche Zusammenleben von Juden und Palästinensern ist ja schwierig. In Ihrem Roman gibt es den Araber Naim, der von allen bis auf seine Eltern, Noam genannt wird. Eine Täuschung, die ihm hilft, in der jüdischen Stadt Arbeit zu bekommen. Er ist dadurch integriert. Ist ihrer Meinung nach eine solche Täuschung erlaubt?

EN: Wissen Sie, ich habe noch niemandem erzählt, woher ich die Inspiration hierzu hatte. Sie kam von einem Taxifahrer. Ich hatte einmal ein Taxi bestellt, das mich in Israel zu einer Lesung bringen sollte. Man hatte mir gesagt, dass ein Typ namens Inchras mich abholen würde. Das ist ein sehr jüdischer Name. Also wartete ich draußen auf das Taxi. Das Taxi kam und ich stieg ein. Und wissen Sie was? Der Fahrer war Araber, wie ich an seinem Akzent feststellen konnte. Und er fuhr mich nach Jerusalem. Da habe ich mich natürlich gefragt: „Warum nennt der sich um Himmels willen bloß „Inchras“? Was ist hier los? Ich muss gestehen, dass ich schon ein wenig Angst hatte, denn ehrlich gesagt, hatte ich keine Ahnung, wo er mich hinfuhr. Also habe ich ihn gefragt und gesagt: „Hey, Inchras..“ Und er sagte: „Ja?“ Und ich weiter: „Also, Inchras ist ein ziemlich ungewöhnlicher Name für einen Araber.“ Worauf er entgegnete: „Na ja, das ist mein beruflicher Name. Eigentlich heiße ich ja Achmed. Aber wenn ich mich so nennen würde, würde niemand mein Taxi nehmen. Auch Sie nicht. Sie hätten bestimmt Angst gehabt.“ Das war also meine Inspiration für die Figur des Naim bzw. Noam..

Ich glaube, dass das Leben als arabischer Israeli in Palästina nach 1948 sehr kompliziert war. Weil man Palästinenser war und Israeli. Man lebte mit Juden zusammen, aber die hatten Deine Brüder deportiert. Manchmal gab es Krieg zwischen den Palästinensern und dem Gazastreifen, weil sie die arabischen Fußballspieler unterstützten, die für das israelische Team spielten. Und wenn die jüdische Nationalhymne gespielt wurde, konnten sie nicht aufstehen. Das war schon alles sehr verwirrend. Die Figur des Naim spiegelt diese Verwirrung. In gewisser Weise ist er der Ewige Jude im Roman. Denn schließlich folgt er den Vögeln.

DKB: Ja, da sprechen Sie schon meine nächste Frage an, denn ich wollte Sie noch unbedingt nach diesem Motiv der Vogelbeobachtung fragen….

EN: Wirklich? Also das ist eine ganze ernste Sache. Übrigens freut mich das sehr. Denn ich hatte ein paar Interviews, da waren die Leute nicht so gut vorbereitet wie Sie. Also deshalb bin ich froh, dass Sie solche Fragen stellen…

DKB: Auf einer Webseite konnte ich gestern lesen, dass es in Israel viele illegale arabische Arbeitnehmer gibt, die man auch häufig aufgreift. Wollten Sie hierauf in Ihrem Roman hinweisen?

EN: Sehen Sie, was Noam widerfährt, ist doch Folgendes. Er ist Vogelliebhaber. Er beobachtet Vögel gerne. Und die Armee? Na ja, die halten ihn für einen Araber. „Was, der beobachtet? Ja, was denn? Klar, wahrscheinlich beobachtet er die Militärbasis!“ Also sie akzeptieren nicht, dass ein Palästinenser mit einem Fernglas ein harmloser Vogelliebhaber sein kann. Das ist völlig unmöglich. Das können sie sich einfach nicht vorstellen. Also verhören sie ihn eingehend. „Welche Vögel mögen Sie? Warum sind Sie Vogelliebhaber?“ Sie glauben ihm einfach nicht. Das ist komisch und tragisch zugleich. Aber wir Israeli glauben, dass dies etwas ist, was manche in Europa nicht verstehen, dass Israel terrorisiert wird. Was ist Terror? Was bedeutet dieses Wort? Es bedeutet Angst. Warum begehen manche Menschen Terrorakte? Sie möchten Angst erzeugen. Und tatsächlich ist nach 30 Jahren Terrorismus eine sehr, sehr ängstliche Gesellschaft bei uns entstanden. Wenn Menschen immerzu Angst haben, dann handeln sie manchmal auch aus Angst und nicht aus Vernunft. Das ist ein großes Dilemma. Nehmen wir doch mal zum Beispiel die Mauer, die es im Westjordanland gibt. Alle hassen diese Mauer. Sie beschmieren Sie mit Graffiti, andere möchten sie am liebsten niederreißen. Ich bin Künstler und wir Künstler haben keine Mauern in unseren Seelen. Aber was, wenn bewiesen wird, dass diese Mauer die Menschen davor bewahrt getötet zu werden? Vielleicht sollte man unter solchen Umstände Kinder, Frauen oder Busse doch mit einer Mauer davor schützen, in die Luft gejagt zu werden. Also, das ist alles ganz schön kompliziert und furchtbar ambivalent. Dasselbe gilt für die illegalen Arbeiter. 91 Prozent von ihnen brauchen das Geld, um über die Runden zu kommen und für ihre Familien zu sorgen. Sie sind arm; sie sind Flüchtlinge. Irgendwie müssen sie Lebensmittel für ihre Frauen und Kinder zuhause herbeischaffen. Aber dann gibt es andererseits aber eben auch die 9 Prozent, die Terroristen sind. Was können wir also tun? Was sollen wir tun? Das ist schon moralisch eine verzwickte Lage, wenn es darum geht, den Terror zu stoppen. Wie man sieht, weiß auch Amerika nicht, wie man damit umgehen soll. Da ist auf der einen Seite der Ansatz von Obama, und dann gibt es da Donald Trump. Und das alles, weil sie nicht wissen, wie man mit dieser beunruhigenden Situation umgehen soll. Wir sind eine verhasste Nation. Was Sie auch machen, stets läuft es auf diese Ambivalenz hinaus. Es ist nicht einfach. Mit Sprüchen wie „Komm, wir reißen jetzt die Mauer ab!“ oder „Alle Palästinenser können kommen und in Israel arbeiten“ ist es nicht getan. So funktioniert das nicht.

DKB: Glauben Sie bzw. sind Sie hoffnungsvoll, dass die Politik irgendwann in der Zukunft eine friedliche Lösung für Israel finden wird?

EN: Nein, ich fürchte gegenwärtig kommen wir hier nicht weiter. Nicht in Israel und auch nicht in Palästina. Dazu müssten wir unsere Volksvertreter austauschen. Man müsste sie abwählen. Vielleicht wenn es jemanden aus der neuen Generation gäbe, der frei von Angst und Verzweiflung wäre. Wir haben gegenwärtig aber einen Premierminister, der nicht daran glaubt, dass sich die Dinge zum Guten wenden. Er sagt: „Es wird keinen Frieden geben. Niemals. Machen wir uns da nichts vor!“ Also, mit einem derartigen Ansatz erreichen wir natürlich gar nichts. Da wird sich also in Israel und Palästina wohl so schnell nichts ändern. Aber vielleicht sieht es in der Zukunft ja anders aus. Wer weiß?

DKB: Kommen wir doch nochmal auf Ihren Roman zurück. Der spielt ja an einem Ort, der die „Stadt der Gerechten“ heißt. Auch ist von einem Militärlager die Rede, das da das „geheime Lager, von dem jeder weiß“, heißt. Das ist sehr witzig. Was wollten Sie damit deutlich machen?

EN: Hier geht es mir wohlverstanden nicht um eine bestimmte Botschaft. Vielmehr geht es mir um den „Realismo Mágico – um die lateinamerikanische Spielart des literarischen Realismus, d.h. den „magischen Realismus“ eines Garcia Márquez und anderer Autoren. Konkret: Ich wollte die Freiheit der Imagination haben. Die Freiheit, mir etwas vorzustellen, das zunächst keinen spezifischen Beschränkungen unterliegt, sondern mir ermöglicht, im Buch eine Menge Dinge zu schreiben, die nicht rational sind. Hierdurch wird das Geschehen in gewisser Weise zu einer Art Legende oder Sage statt zu einer konkreten, realistischen Geschichte.

DKB: In Ihrem Roman kommt der Religion eine große Bedeutung zu. Ein Rabbi gibt übers Radio vielfältige Hilfestellungen fürs alltägliche Leben, z.B. für Ayelet. Die will, nachdem sie jahrelang in einem indischen Tempel gelebt hat, wieder auf den richtigen Weg zurückkommen und redet und streitet intensiv mit dem Rabbi. Glauben Sie auch daran, dass Religion unverzichtbar ist für ein richtiges Leben?

EN: Ja, unverzichtbar, aber ausgenommen die säkularen Juden. Ich bin säkularer Jude durch und durch. Und ein nonkoscher Autor ….

DKB: Das meinen Sie doch jetzt gewiss satirisch…?

EN: …Nein, durchaus nicht. Ich denke, es geht um etwas Anderes. Wenn Sie als Autor eine Figur schreiben wollen, dann müssen Sie sich in sie hineinversetzen.  Für die Figuren meines Romans war es das Beste, was ihnen passieren konnte. Sie brauchten Religion in ihrem Leben. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich auch genauso empfinde. Und dann wird es ambivalent. Denn am Ende treffen sie sich, aber sie sollen nichts füreinander empfinden. Das ist im Judentum nicht erlaubt. Und dennoch passiert genau das. Da haben wir also den Punkt, wo die Charaktere sich entscheiden müssen, was ihnen wichtiger ist: den Gesetzen der Religion oder jenen des Herzens zu folgen.

DKB: Sie haben ja schon etliche europäische Preise bekommen, darunter 2009 den Finalist des Independent Foreign Fiction Prize, UK für Ihr Werk „Vier Häuser und eine Sehnsucht“. Herr Nevo, wie wichtig sind Ihnen eigentlich solche Preise?

EN:  Also, den Sie da nennen, für den wurde ich nur nominiert. Den habe ich leider nicht bekommen, aber ich habe andere Preise erhalten. Den Independent Foreign Fiction Prize hätte ich gerne bekommen, war aber leider nicht der Fall. Wie wichtig mir solche Auszeichnungen sind? Tja, ich glaube, Preise sind eine gute Möglichkeit, mehr Leser zu bekommen. Darauf kommt es mir an. Ich möchte mehr Menschen mit meinen Büchern erreichen. Wenn der Preis eine Millionen US Dollar wäre, nun ja, das hätte mein Leben schon verändern können. Na ja, hat er aber nicht. Die Preise, die ich erhalten habe, sind ganz nett. Und es ist immer eine schöne Erfahrung. Aber ganz ehrlich, das Wichtigste für mich besteht darin, wie die Menschen auf das, was ich tue, reagieren.  Lassen Sie mich ein Beispiel nennen. Ich hatte mit meinem Buch in Israel eine Lesung. Am Ende der Veranstaltung kam eine Dame auf mich zu, übergab mir einen Brief und sagte: „Bitte lesen Sie ihn zu Hause.“ In dem Brief schrieb sie, dass sie eine russische Immigrantin sei und sie mir dafür danken wollte, dass ich diese Geschichte öffentlich gemacht habe. Und dass es mir gelungen sei, Vorurteile zu beschreiben und eine Geschichte zu bringen, die bislang in Israel nicht erzählt wurde. Also, die Menschen zu bewegen, darauf kommt es mir an. Preise? Na ja, ganz hübsch. Es wäre übrigens mal schön, einen deutschen Preis zu bekommen. Aber im Ernst, es geht mir darum, mehr Leser erreichen.

DKB: Wollten Sie eigentlich schon immer Schriftsteller werden?

EN: Nein, eigentlich nicht. Ich wollte vieles werden. DJ, Richter, Psychologe, Fußballspieler. Aber dann fing ich an zu schreiben, weil ich gerne Geschichten erzähle. Und genau das ist es für mich: Ich möchte eine Geschichte erzählen. Und jedes Mal sage ich mir: „Das ist jetzt mein letzter Roman. Danach will ich etwas Anderes machen.“ Wirklich, das stimmt. Ich habe ein Buch geschrieben, das „Neuland“ heißt. Ein 600-Seiten-Roman. Ich habe vier Jahre lang daran gearbeitet. Und als ich fertig war, sagte ich mir: „Jetzt gehe ich an den Strand und werde mich amüsieren.“ Aber als mir die Idee zu diesem Roman kam, dachte ich mir: „Also, das ist eine gute Geschichte!“ Und machte ich mich an die Arbeit. Das passiert jedes Mal (lacht).

DKB: Welche Autoren bzw. Autorinnen lesen Sie denn selbst gerne?

EN: Ich hänge ehrlich gesagt mehr an Bücher als an Autoren. Mich kann beispielsweise ein Buch wie „Stoner“ von John Edward Williams faszinieren, ein Buch, das übrigens auch bei dtv erschienen ist. Ein großartiges Buch von einem amerikanischen Autor, das ein halbes Jahrhundert nach seiner Erstveröffentlichung jetzt wiederentdeckt wird. Williams hat auch noch ein anderes Buch geschrieben, „Augustus“, was mir überhaupt nicht gefiel.

DKB: …. gibt es womöglich deutsche Autoren, die ihnen gefallen…?

EN: Also, da muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich im Augenblick nicht viele deutsche Autoren lese. Ich habe aber Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ mit großem Vergnügen gelesen. Ein wirklich guter Roman.

DKB: Der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen ist Hobby-Ornithologe. Und Naim in Ihrem Buch beobachtet ja auch gern Vögel, fühlt sich ihnen besonders nah. Haben Sie ebenfalls eine Vorliebe dafür?                                        

EN: Wissen Sie, dass ist einfach unglaublich. Irgendwie sind die Leute immer davon überzeugt, dass ich ein Vogelliebhaber bin. Sie schicken mir SMS wie z.B. „Ich habe diesen oder jenen Vogel gesehen. Den gibt es hier eigentlich gar nicht. Ist das ein Einzelexemplar, was sich verirrt hat?“ Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin kein Vogelexperte, aber die Figur in meinem Roman ist ein Hobby-Ornithologe. Für mich bedeutete das, dass ich mich mit dem Thema beschäftigen musste. Ich habe dabei genug gelernt, um hierüber schreiben zu können. Vögel sind meiner Meinung nach sehr schöne Tiere. Bevor ich hier nach Leipzig zur Buchmesse kam, war ich in München. Ich ging zur Isar runter, und da gab es tatsächlich ein paar Möwen. Erstaunlich, aber ich bin kein Vogelliebhaber. Delphine gefallen mir viel besser. Die liebe ich.

DKB: … was uns zu unserer letzten Frage bringt. Gibt es vielleicht schon Pläne für Ihren nächsten Roman, und wenn ja, gibt es bereits ein paar Einzelheiten, die Sie uns mitteilen können?  

EN: Ja, ich habe im vergangenen Jahr einen Roman in Hebräisch herausgebracht, der 2015 die meistverkaufte Neuerscheinung in Israel war. Der Roman wird auch ins Deutsche übersetzt werden. Ich denke, in zwei Jahren wird er zu haben sein.

DKB: Herr Nevo, vielen Dank für Ihre Zeit und dafür, dass Sie uns dieses Interview gegeben haben. Und viel Erfolg für Ihr Buch.

EN: Ich danke Ihnen.

Eshkol Nevo hat beim dtv zuletzt den Roman „Die einsamen Liebenden“ herausgebracht.

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