Interview mit Edward Berger und Nele Mueller-Stöfen

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Der Regisseur Edward Berger schrieb gemeinsam mit der Schauspielerin Nele Mueller-Stöfen auch das Buch zum Film „All My Loving“. Der-Kultur-Blog traf beide anlässlich der Filmpremiere in Essen.

DKB: Herr Berger, der Filmtitel „All My Loving“ ist ja auch der Titel eines bekannten Songs der Beatles. Ist dies ein Zufall oder eine bewusste ironische Paraphrasierung der Beziehung, die zwischen den Protagonisten herrscht, die ja auf den ersten Blick alles andere als liebevoll ist?

Edward Berger: Unsere drei Geschwister sind schon sehr eng miteinander verbunden. Und ich denke, jeder von ihnen trägt sehr, sehr viel Liebe in sich, die sie aber leider nicht ausdrücken können. Deshalb auch der Titel. Ein Titel mit dem deutschen Wort „Liebe“, das wäre gleich sehr schwer und groß, ein wenig zu bedeutungsschwanger. Einfach zu viel. Die englische Übersetzung, die schafft eine gewisse Distanz, verspricht ein wenig Spaß, den wir mit dem Film ja auch haben, damit wir das alles leichter verdauen können.

DKB: Im Gegensatz zu ihren anderen Projekten wie z.B. dem Film „Jack“ oder der Fernsehserie „Deutschland 83“ ist „All My Loving“ episodenhafter erzählt und verzichtet auf einen durchgehenden Handlungsstrang. Welchen Grund gab es für Sie, das Format des Episodenfilms zu wählen?

Nele Mueller Stöfen: Wir haben die Geschichten der Geschwister in drei Blocks erzählt. Dadurch können wir uns besser auf jede einzelne Figur einlassen. Der Zuschauer wird nicht abgelenkt und bleibt an der Geschichte des Charakters dran. Die Konzentration ist einfach grösser und man steigt mehr in die Handlung der jeweiligen Figur ein. Das war uns sehr wichtig. Am Anfang sehen wir die Geschwister zusammen. Am Schluss auch. Unser Fokus liegt aber auf der Reise der einzelnen Figuren.

DKB: Und das ist eben in einem Episodenfilm besser zu machen als bei einem durchgehenden Handlungsbogen…

Nele Mueller-Stöfen: Wir haben irgendwann mal versucht, deren Geschichten zu verschachteln. Aber sofort blieb der Fokus aus und deren Geschichten wurden beliebiger. 


Edward Berger : Die Konzentration auf die einzelne Figur ist dadurch größer, und der Zuschauer wird nicht gleich erlöst. Unsere einzelnen Geschichten führen nach einer halben Stunde ja nicht unbedingt zu einer Lösung. Dafür ist das Ende da. Dass alle noch einmal zusammenkommen und jeder für sich einen gewissen Schritt in die Zukunft tun kann. Wenn man hingegen die Geschichten unterschneiden und miteinander verzahnen würde, dann würde der Zuschauer alle fünf Minuten abgelenkt werden. Stefan (Lars Eidinger) hat ein Problem, fünf Minuten später käme dann aber die Julia (Nele Mueller-Stöfen) und man würde ihre Geschichte ein bisschen verfolgen. Und wenn man gerade anfängt, sich dafür zu interessieren, dann käme auch schon Tobias (Hans Löw).

Dadurch verlieren wir die Konzentration auf unsere Figuren und damit auch die Kraft des Films. Außerdem geht es ja auch wesentlich darum, dass jeder einzelne seinen Weg im Leben findet; seine Rolle, die ihm in der Familie zugewiesen wurde. Tobias, der kleine Bruder, ist immer für die anderen da. Stefan wiederum ist der große Hallodri, der einfach das macht, was er will. Und Julia hat eben auch ihre Rolle. Es geht im Film darum, dass sich jeder aus dieser Rolle befreit. Hierzu wollten wir drei Figuren jeweils eine Geschichte widmen, die alle ein stark unterschiedliches Familienmodell beschreiben. Stefan denkt, er ist immer noch 27. Er kann sich nicht committen und bekommt am Schluss auch die Quittung dafür. Julia hat ein Trauma zu überwinden. Und Tobias, der muss auch lernen, an sich selbst zu denken.

DKB: Wie ist das eigentlich, wenn man zusammen ein Drehbuch schreibt? Teilen Sie sich auf, also Sie, Frau Mueller-Stöfen, bekommen eine bestimmte Figur, ihr Mann eine andere. Oder arbeiten Sie die Figuren gemeinsam aus? Ich stelle mir das spannend vor, aber auch ziemlich schwierig.

Nele Mueller-Stöfen: Mir macht unsere Zusammenarbeit großen Spaß. Wir haben eine ähnliche Vision und ähnliche Vorstellungen von den Figuren. Dadurch treten keine Missverständnisse auf. Wenn Edward mir zum Beispiel kurz eine Figur beschreibt, die ihm vorschwebt, oder umgekehrt, dann wissen wir ganz genau: „Ach, O.K., so meinst du das.“ Das hilft ungemein. Auch ist es meiner Meinung nach immer besser, zu zweit zu schreiben als allein. Vorausgesetzt man hat das gleiche Ziel. Ideen entstehen über die Kommunikation. Über die Auseinandersetzung mit seinem Gegenüber.   Es ist wie ein Ping-Pong-Spiel. Durch das Miteinanderreden bewegt sich etwas und man bereichert sich. 

Edward Berger: Wir schreiben eigentlich alles zusammen. Es ist nicht so, dass Nele die Frauenfigur bekommt und ich die Männer. Eigentlich planen wir gemeinsam alles genau durch, auch die Dialoge. Danach zieht sich einer zurück, schreibt die Szene und schickt sie dann dem anderen. Aber davor ist das gesamte Buch eigentlich schon sehr, sehr genau durchdacht. Manchmal schreibt auch einer von uns eine ganz Fassung, die er dann dem anderen schickt. Der schreibt sie dann um und schickt sie noch einmal zurück. So geht das immer hin und her, bis beide irgendwann zufrieden sind.

DKB: Und haben Sie beim Schreiben auch schon einen bestimmten Schauspieler oder eine bestimmte Schauspielerin vor Augen, so dass Sie auch beim Casting mitwirken? Zum Beispiel, dass Ihnen, Frau Mueller-Stöfen, klar war, die Rolle der Julia selbst zu spielen. Denn die spielen sie so überzeugend, dass man meinen könnte, sie haben sie auch geschrieben.

Nele Mueller-Stöfen: Nein, es stand zunächst nicht fest, dass ich die Julia spiele. Das haben wir erst später entschieden. So habe ich mich beim Schreiben auch nicht eingeschränkt. Hätte ich von Anfang an gewusst, dass ich die Julia spiele, hätte ich mich beim Schreiben wahrscheinlich auf irgendeine Art blockiert. Vielleicht wären mir die Ideen ausgegangen. Manchmal haben wir von Anfang an Schauspieler im Kopf, was natürlich toll, aber doch eher selten ist. Lars (Eidinger) als Stefan hatten wir schon sehr früh im Kopf. Er war eigentlich der erste. Und daran haben wir uns dann auch entlang gehangelt.

DKB: Bei der Julia ist es ja so, dass sie ihre Herausforderung meistert, indem sie noch einmal ein Kind bekommt. Wie ist das denn bei den anderen Figuren, wie geht es denn für die weiter? Muss so etwas auch mitberücksichtigt werden?

Edward Berger: Natürlich. Wir möchten nichts erklären oder überdeutlich machen, aber uns ist schon wichtig, dem Zuschauer ein Gefühl mitzugeben, dass sich für alle nun etwas ändert und das Kind eine Art Erlösung darstellt. Julia wird wahrscheinlich am härtesten daran zu arbeiten haben, aber ich glaube, dass das auch bei Stefan etwas auslöst. Sagen wir einmal, die Liebe zu seiner Tochter…

Nele Mueller-Stöfen:  … Als er das Neugeborene sieht, sagt Stephan: „Die sieht aus wie Vicky.“ Ein paar Worte ganz am Schluss in der letzten Szene, die das andeuten. Dass sich Stefan Vicky mehr verbunden fühlt, dass sie sich vielleicht nähergekommen sind.

Edward Berger: Nachdem er vorher sein Gleichgewicht verloren hat, spüren wir, dass sein Leben jetzt wieder in die Balance kommt. Und bei Tobias auch, dass er jetzt eigenständiger und an sich denkt.

DKB: Wir hatten schon gedacht, die letzte Szene würde die Beerdigung sein. Die haben sie aber einfach weggelassen. Stattdessen deutet der Schluss auf einen Neuanfang hin, ein Kind ist ja wie ein Neuanfang. 

Edward Berger: Ja, das ist eben der Kreis des Lebens, der sich da schließt. Ein Mensch stirbt, ein anderer kommt dazu.

DKB: Die Hauptfiguren des Films sind ja alle so um die 40 Jahre und gehören der bürgerlichen Mittelschicht an. Ihnen gemeinsam ist, dass sie alle an einem krisenhaften Wendepunkt in ihrem Leben stehen. Sind diese Midlife-Krisen typisch für diese Generation oder eher für Biografien typischer Mittelschichtsangehöriger? 

Edward Berger: Na ja, die Midlife-Crisis gab es schon immer (lacht) und wird es wohl auch immer geben. Aber ich will die Geschehnisse in unserem Film auch gar nicht Midlife-Crisis nennen. Unsere Figuren stehen alle an einem Punkt, an dem sie sich entscheiden müssen, ob sie ihr Leben wieder in die Hand nehmen möchten. Wenn man 20 oder 25 ist und eine Entscheidung fällt, denkt man ein Jahr später doch oft: „Ach, ich mach‘ lieber was anderes. Ich trenne mich von einer Freundin, wechsele den Job oder ziehe in eine andere Stadt.“ Das hat weniger Konsequenzen. Man kann halt immer wieder neu anfangen. Und in dem Alter, in dem unsere drei Geschwister gerade sind – um die 40, Ende 30 – da merkt man, so eine Entscheidung fällt nicht mehr so leicht, denn sie bekommt auf einmal mehr Gewicht. Man kann jetzt nicht mehr einfach so umsatteln, dazu müsste man sich viel stärker durchringen, weil eben mehr dranhängt an dieser Entscheidung. Und wenn unsere drei Geschwister sie jetzt nicht fällen, dann ist es für sie auch vorbei. Dann leben sie in ihren Bahnen, arrangieren sich mit dem Status Quo und ändern sich im Grunde auch nicht mehr.

Nele Mueller-Stöfen: Es geht auch immer ein bisschen darum, dass man ab einem gewissen Alter an die Endlichkeit des Lebens denkt. Man merkt, die Zeit läuft, und man fragt sich. „Will ich so weitermachen? Will ich den Rest meines Lebens diesen Weg gehen, dem ich gerade folge?“. Mit 25 denkt man nie daran. Aber irgendwann ist es plötzlich da, dieses Bewusstwerden von begrenzter Zeit im Leben. Und das ist auch genau das, was unseren drei Geschwistern klar wird. Dass alle drei sich denken: „Will ich das? Will ich mein Leben so weiterführen?“ So ist das eben. Man hat die Zeit im Kopf.

DKB: Der Stefan, der wird ja durch seine Erkrankung zum Umdenken gezwungen. Eigentlich will er sein bisheriges hedonistisches Leben ja gar nicht aufgeben. Aber er merkt ja spätestens, als er im Hotel die zwei Frauen nicht zu einem Dreier überreden kann, dass auch seine Pilotenuniform ihren gewohnten Reiz auf Frauen verliert und dieser Abschnitt vorbei ist. Das ist wie so eine Art Schlussstrich, den er zieht.  Und dann wendet er sich ja auch wieder seiner Tochter zu und entdeckt seine Vaterrolle.

Edward Berger: Genau. Wobei er eher die Leere in seinem Leben und sein Versagen als Vater bemerkt und am Schluss mit den Konsequenzen seiner Lebensweise konfrontiert wird. Er versucht dann, sich zu öffnen und das erste Mal ein tieferes Gespräch zu führen; auch mal eine Schwäche zuzugeben; zuzugeben, dass sein Leben ja vielleicht doch nicht so toll ist. Das hat diese Angst, die Tochter zu verlieren, bei ihm herbeigeführt. Die Nachbarin hat aber überhaupt kein Interesse mehr daran und er merkt…

Nele Mueller-Stöfen: Sie hat keine Lust auf Stefans Versuch der Ernsthaftigkeit…   

Edward Berger: … das ist eben die Konsequenz dafür, dass er sich nie zu etwas oder jemandem bekannt hat, und jetzt bekennt sich halt auch niemand zu ihm. Das bekommt er jetzt zu spüren.

DKB: Frau Mueller-Stöfen, Sie haben jetzt ja auch einen eigenen erfolgreichen Film gemacht, „Am Strand“ ist der Titel, der ja auch ausgezeichnet wurde. Kommt da vielleicht bei Ihnen doch manchmal der Gedanke auf: „Jetzt spiele ich keine Rollen mehr, sondern mache nur noch Filme und schreibe Drehbücher“? Oder ist das abwegig, wenn man eine so erfolgreiche Schauspielerin ist?

Nele Mueller-Stöfen: Ich liebe meinen Beruf und würde ihn nie aufgeben wollen. Jedes gute Drehbuch, das ich bekomme, ist eine Riesenfreude. Ich weiß nicht, ich muss mal schauen, wie es weiter geht. Mich erfüllt das Drehbuchschreiben auch sehr und ich möchte es nicht mehr missen. Das Schöne daran ist, dass man seine eigene Welt schaffen kann. Das kann man natürlich in der Schauspielerei auch, aber da ist man begrenzter. Man hat unter anderem Dingen zu folgen, die sich der Regisseur wünscht, man kann sich die Kollegen und das Set nicht aussuchen. Da steht man zum Beispiel irgendwann am Set in seiner Wohnung, doch diese Wohnung hat man sich eigentlich, als man das Drehbuch gelesen hat, ganz anders vorgestellt. Und man denkt sich: „Nein, so möchte ich diese Wohnung nicht! Die passt überhaupt nicht zu meiner Figur.“ Wenn man aber schreibt, dann kann man die Welt, in der die Geschichte stattfindet, selbst bestimmen. Und das ist schön.

DKB: Aber Sie geben doch Ihren Schauspielern doch auch viele Freiräume, Herr Berger. Das habe ich jedenfalls in einem Interview mit Lars Eidinger gelesen. Ist das generell so oder hängt das von der Rolle oder womöglich auch vom jeweiligen Schauspieler ab?

Edward Berger: Ich glaube, ein großer Teil des Regieführens ist das Casting. Dabei entscheidet man sich für einen Schauspieler, übergibt ihm die Rolle und vertraut ihm oder ihr voll und ganz. Danach korrigiert man nur noch nach; mal schneller, mal langsamer, gemeinsam verschiedene Varianten ausprobieren, denn gut sind sie sowieso. Ich finde, man muss dem Schauspieler eine Bühne geben, dass er sich wohl fühlt und weiß, er hat Zeit, kann probieren und gerne auch mal Fehler machen. Das ist eigentlich das Wichtigste — ein gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und immer zu pflegen. Ich vertraue dem Schauspieler, und idealerweise vertraut er auch mir. Im Grunde sind sie uns Regisseuren ja auch völlig ausgeliefert — wo wir die Kamera hinstellen oder wie wir schneiden, entscheidet darüber, wie wir sie wahrnehmen. Da ist es wichtig, dass er oder sie sagen kann: „Der wird hier schon keinen Mist drehen.“

DKB: Sie haben jetzt mit „Eden“ wieder eine TV-Serie gemacht, die ja aktuell in der ARD läuft. Was ist denn für Sie eine größere Herausforderung, einen Kinofilm zu machen, der die Leute zwei Stunden fesselt, oder eine TV-Serie, bei der die Leute bequem zuhause sitzen, etwas knabbern und auch mal zwischendurch auf die Toilette gehen können?  

Edward Berger: Ich habe da keine Präferenz. Das hängt wirklich von der Geschichte ab. Wenn die Geschichte oder das Material so viel hergibt, dass man sie nicht in zwei Stunden erzählen kann, dann braucht man eine Serie. Bei „Eden“ war uns sofort klar, dass das nicht als Spielfilm geht, das ist in seiner Vielschichtigkeit und Breite interessanter in sechs Stunden zu zeigen. Man hat mehr Raum für verschiedene Figuren, kann das gesamte Panorama zeigen und muss sich nicht nur auf einen Helden konzentrieren. Von daher finde ich beides großartig. Es hängt eben von der Idee ab.

DKB: Vielleicht noch zum Schluss eine Frage an Sie, Herr Berger.

Gibt es Regisseure, die Ihre Regiearbeit beeinflusst haben oder die Sie bewundern?

Edward Berger: Oh, mit Sicherheit. Das ist eine gute Frage. Aber auch schwer. Also einer meiner Lieblingsfilme, nein, mein Lieblingsfilm überhaupt, der Film, den ich absolut bewundere, das ist „Apocalypse Now“. Der Film versucht, das Wesen des Krieges zu ergründen, auf eine ganz intuitive, poetische Art. Ich mag es unheimlich gerne, wenn man sich nicht nur am Plot entlang hangelt. Das macht Coppola wirklich großartig, im Übrigen auch Sofia (Coppolas Tochter, DKB). Ich finde die amerikanischen Autorenfilmer ebenfalls sehr spannend. James Gray oder P. T. Anderson. Die sind eigentlich mein großes Vorbild.

DKB: Frau Mueller-Stöfen, Herr Berger, vielen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch. Wir wünschen Ihnen für die Premiere heute Abend alles Gute und viel Erfolg für Ihren Film „All My Loving“.

Foto: Christian Schoppe

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