Interview mit der Autorin Susanne Goga

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Wir haben uns gefreut, im Rahmen der diesjährigen Leipziger Buchmesse, mit der Autorin und Literaturübersetzerin Susanne Goga über ihre Bücher sprechen zu können. Sie hat neben ihrer Krimireihe um Leo Wechsler mehrere historische Romane veröffentlicht.

DKB: Was fasziniert sie an der deutschen Zeitgeschichte?

Susanne Goga: Ich glaube, dass man die Gegenwart nicht verstehen kann, ohne zurückzublicken. Und da ist natürlich gerade die Zeit der Weimarer Republik mit ihren ganzen Umwälzungen, sei es im Politischen, sei es im Kulturellen, was die Rolle der Frauen angeht usw. einfach eine sehr bewegte Zeit in Deutschland. Eine Zeit, die sehr spannend war, in der sehr viel in Bewegung war. Als ich damals angefangen habe, mich dafür zu interessieren, gab es überhaupt keine Kriminalromane, die in dieser Zeit spielten. Und da habe ich mir eben gedacht, das wäre ein schöner Hintergrund für einen Kriminalroman.

DKB: Und diese Figur des Leo Wechslers ist ja auch eine ganz besondere. Hatten Sie da irgendein Vorbild oder womöglich eine konkrete historische Person, deren Züge Wechsler trägt?

SG: Nein. Natürlich die Polizeiarbeit, was mein Wissen über die Polizeiarbeit angeht, was ich mir angeeignet habe, das beruht natürlich schon auf Recherchen. Die Berliner Kripo war damals weltweit absolut führend. Da sind selbst Leute aus Amerika gekommen und haben sich angesehen, mit welchen Methoden die Berliner gearbeitet haben. Das war wahrsinnig modern. Die hatten eine extrem hohe Aufklärungsrate von weit über 90 Prozent bei Kapitalverbrechen und haben eben in vielerlei Hinsicht den Weg bereitet für das, was danach gekommen ist, was die polizeiliche Ermittlung angeht. Und in dieses Milieu habe ich dann meine eigene Figur gesetzt, die ich so gestaltet habe, wie es mir jetzt gefällt.

DKB: Ja, ich fand das auch sehr schön zu lesen. Es gibt ein Verbrechen und man kann die ganzen spannenden Ermittlungen verfolgen, erfährt eine Menge über die Kriminaltechnik der Zeit. Ich fand das spannend, denn die heutigen, modernen Technologien standen ja noch nicht zur Verfügung. Die Figur des Leo Wechsler ist sehr gut gezeichnet, sehr sympathisch. Mich hat auch beeindruckt, dass Sie die Probleme dieser Zeit, insbesondere auch das aufkommende Hitleregime aufzeigen. Durch Ihren Roman wird man in diese Zeit hineinversetzt.

SG: Ja, das versuche ich auch immer. Das ist immer mein Ziel, dass es jetzt nicht recherchiert aussieht oder als wollte ich jetzt irgendwelches Wissen rüberbringen. Mein Ziel ist eigentlich immer, das Wissen so in die Handlung einzubauen, dass es sich natürlich einfügt und man einfach das Gefühl hat, das ist selbstverständlich. Ich hatte natürlich über diesen Vorfall gelesen, mit diesem Überfall auf den Zug mit den SA-Leuten und habe mir überlegt: „Ja, das kann natürlich jemand in der Zeitung lesen, es ist aber schöner, wenn die Figuren das selbst miterleben.“ Und habe deshalb eine konkrete Person, den Nachbarn Joachim Kern, diesen Arbeiter, mit dem der Leo befreundet ist, das erleben lassen. Das passte wunderbar, dass er als Kommunist dabei gewesen ist und erzählen kann, wie er das erlebt hat. Das macht es natürlich dann lebendiger, als wenn es in der Zeitung steht.

DKB: Ja, das fasziniert die Menschen sehr viel stärker. Wie gehen Sie denn eigentlich vor, wenn sie eine Geschichte schreiben? Ist da zuerst ein Bild oder haben Sie irgendeine Person in Ihrem Kopf? In dieser Krimireihe haben Sie ja bereits die Romafigur entworfen, diesen kompetenten und netten Leo Wechsler.       

SG: Das stimmt. Aber oft ist es ein relativ abstraktes Thema oder ein bestimmtes Milieu. So dass mir zum Beispiel bei „Mord in Babelsberg“ der Gedanke an einen Film kam. Denn beim Film in der Weimarer Republik war Deutschland ja wirklich auch künstlerisch führend. Es war natürlich interessant und naheliegend, das da unterzubringen. Bei „Die Tote von Charlottenburg“ war es die Situation der Frauen. Frauen, denen auf einmal im Beruf andere Wege offenstehen, die ihnen vorher nicht offenstanden. Oft ist es nur eine Idee oder irgendwas, was ich einmal gelesen habe. Jetzt war es die Modeindustrie. Oft ist es auch Zufall und ich denke: „Das ist etwas. Das könnte man vielleicht nutzen.“ Und dann eben die Frage: „Wie baut man das in eine Kriminalhandlung ein?“ Das ist eigentlich immer der nächste Schritt.

DKB: Sie sind ja auch Literaturübersetzerin. Sind Sie eigentlich darüber zum eigenen Schreiben gekommen, dass Sie sich irgendwann einmal gesagt haben: „Ich habe so viel gelesen. Jetzt möchte ich  selbst einen Roman schreiben.“ Oder hat sich das vielleicht parallel ergeben?

SG: Also, ich wollte eigentlich schon Bücher schreiben, als ich noch in der Grundschule war. Weil ich schon als Kind mit Begeisterung sehr, sehr viel gelesen habe. Aber es war nie so wirklich die Idee da, dass ich gedacht habe: „Das ist jetzt so tragfähig, dass du dich einmal ein ganzes Jahr damit beschäftigst. Aber ich wollte eben gerne etwas mit Büchern und mit Sprache machen. Und das mit dem Übersetzen, das war eigentlich auch immer so ein Traum von mir. Ich mache das auch bis heute. Ich mache das nach wie vor sehr, sehr gern. Aber irgendwann war dann der Gedanke: „Ja, aber du würdest eigentlich auch sehr gerne noch etwas Anderes machen.“ Und da habe ich mir überlegt, ob ich meine Doktorarbeit weiterschreibe oder ob ich etwas Eigenes schreibe. Und dann habe ich mir die Sekundärliteratur angeguckt und gedacht: „Vielleicht lieber doch etwas Eigenes, als jetzt wieder jahrelang aufzuarbeiten, was andere vor Dir geschrieben haben.“ Und dann auf einmal war diese Idee da, „Die Zeit Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Berlin“. Und das war dann eigentlich auch wirklich der Startschuss. Ich habe dann auch angefangen, mich damit ganz intensiv zu beschäftigen. Aber es hat eben eine Weile gedauert. Ich musste erst einmal diese Idee haben, wo ich mich dann so darin verbeißen konnte.

DKB: Wie lange dauert so etwas, bis man inklusive Recherche dann mit dem Schreiben anfangen kann?   

SG: So grob würde ich sagen, ungefähr ein Jahr. Ich habe natürlich jetzt schon ein Grundwissen, auf das ich zurückgreifen kann. Ich musste zwar für jedes Buch wieder recherchieren, aber so grundlegende Informationen, und auch so alte Stadtpläne und so etwas, die habe ich natürlich jetzt schon einmal. Das sind Sachen, da muss ich nicht jedes Mal das Rad neu erfinden. Also ich würde sagen, so ungefähr zehn Monate bis ein Jahr.

DKB: Kennen Sie denn auch das heutige Berlin? Sie sind doch nicht aus aus Berlin, oder?

SG: Nein, nein, ich wohne in Mönchengladbach. Doch, ich kenne Berlin schon ganz gut. Ich fahre morgen auch wieder von hier aus für eine Woche nach Berlin. Das heutige Berlin ist natürlich schon etwas Anderes. Man findet teilweise noch Spuren wieder, aber vieles ist natürlich verloren gegangen. Da kann ich mich dann nur auf alte Fotos stützen. Aber es ist schon spannend. Ich finde, auch das heutige Berlin ist eine tolle Stadt. Ich fahre da immer wieder gerne hin. Und ich freue mich dann immer umso mehr, wenn ich dann doch etwas entdecke, was noch übriggeblieben ist.

DKB: Das glaube ich. Aber ich denke, Fantasie und Vorstellungskraft regen den Geist stärker an, wenn nicht immer alles gleich präsent ist.

SG: Ja, und da hat man dann vielleicht auch eher den Mut, sich ein bisschen zu lösen. Wenn ich jetzt über etwas schreibe, was wirklich noch genau noch so dasteht, dann fühle ich mich ja auch verpflichtet, das genauso zu machen. Und vor allen Dingen, wenn ich dann etwas anders mache, könnten die Leute ja sagen: „Ich bin da gewesen; das sieht ja ganz anders aus.“ Wenn es etwas heute nicht mehr gibt, dann hat man natürlich auch so eine gewisse Freiheit. Denn ich kann mir das raussuchen, was mir hilft. Also zum Beispiel, was Lokale angeht. Viele Lokale, über die ich schreibe, sind ja historisch, aber vieles ist auch erfunden. Es ist ja ein Roman. Oder wenn jetzt etwas überhaupt nicht reinpasst, dann wird es eben auch mal geändert. Aber es sind nie grundlegenden Dinge.

DKB: Heißt das, dass Sie niemals einen Gegenwartsroman schreiben würden oder nur zur Zeit nicht?

SG: Also, ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen. Vielleicht kommt es irgendwann einmal, aber das Historische, das hat mich immer fasziniert. Und ich schreibe ja auch klassische historische Romane bei DIANA. Die Handlung spielt immer im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das ist meine Zeit, mit der ich mich am liebsten beschäftige. Vielleicht kommt der Drang irgendwann einmal, aber im Moment bin ich eigentlich mit den historischen Themen sehr glücklich.

DKB: … aber die Gegenwart ist doch auch spannend…

SG: …schon, aber ich sage mir immer, die Gegenwart, die erlebe ich doch jeden Tag. Und da wird doch schon so viel rüber geschrieben. Ich meine, gerade heute auch im Internetzeitalter, da geschehen die Dinge so schnell, dass man unter Umständen schon nicht mehr aktuell ist, wenn man anfängt zu schreiben. Ich kann das nicht ausschließen, dass mich irgendwann einmal eine Idee anspringt und ich denke, das muss es jetzt sein. Aber im Moment ist es nicht geplant.

DKB: Nun sind Sie ja nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Literaturübersetzerin und tragen in dieser Funktion erheblich zur Verbreitung eines Werkes und zum Erfolg eines Autors bei. Fühlt man sich da als Übersetzerin manchmal vielleicht hintangestellt, weil in der Regel der Autor oder die Autorin die Lorbeeren einsteckt und die Leistung der literarischen Übersetzung nicht gewürdigt oder nicht genug gewürdigt wird?

SG: Also ich lege da schon auch großen Wert darauf genannt zu werden, weil die Gefahr einfach besteht, dass man die Leistung der Übersetzer einfach übersieht. Gerade Deutschland ist wirklich ein Übersetzungsland. Es gibt kaum ein Land, wo so viel übersetzt wird, wie bei uns. Weltliteratur ist ohne Übersetzung aber nicht denkbar. Und daher finde ich, wenn ich dann eine Rezension lese und dann steht da, „Herr oder Frau sowieso schreibt …“. Klar, natürlich schreibt er oder sie das, aber was der Rezensent gelesen hat, ist die Übersetzung von irgendjemandem. Übersetzungen sind ungemein wichtig, und wir sind ja dann auch wirklich die Vermittler zwischen dem Autor und dem Publikum hier. Und ich finde, deshalb müsste schon ein Hinweis auf den Übersetzer erfolgen. Ich meine, da hat sich im Laufe der Zeit schon einiges getan, aber da ist doch noch etwas Luft nach oben.

DKB: Man hört ja oft, dass die Übersetzer im Team arbeiten, also zu zweit, weil das ja auch wohl sehr schnell gehen muss. Gerade ist die amerikanische Originalausgabe herausgekommen, jetzt muss man in Deutschland möglichst zeitgleich mitziehen. Und dann wird den Übersetzern womöglich noch vorgeworfen, dass ihre Arbeit schlecht ist und nicht der literarischen Qualität des Originals entspricht.

SG: Ja, das Problem hierbei ist, dass man oft, wenngleich nicht immer, unter Zeitdruck übersetzt. Auch ist die Bezahlung oft nicht gut. Dann stellt sich die Frage, welche Ergebnisse man eigentlich unter solchen Voraussetzungen erwarten kann. Ich habe meistens das Glück, dass ich genügend Zeit habe. Aber wenn ich sehe, welche teilweise extrem schwierigen Dinge übersetzt werden, wo man dann wirklich eine ganze Stunde für eine Seite braucht, und die Leute sollen doch auch irgendwie davon leben, dann hat das einfach auch viel Anerkennung und ein vernünftiges Honorar verdient. Aber da liegt leider oft noch einiges im Argen.

DKB: Gut, dass wir das einmal aus berufenem Munde erfahren, dass die Leistung des Übersetzers auch ein Beitrag zur Kultur darstellt, die auch schwierig ist, weil er sich ja in die Situation und Vorstellungswelt des Autors hineinversetzen muss.

SG: Ja, ja. Es muss ein gut lesbarer deutscher Text herauskommen, der natürlich auch die gleiche Wirkung entfalten muss wie das Original. Das Übersetzen ist eben eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, denn man schreibt das Buch ja im Grunde genommen nochmal. Ich muss mir zwar die Figuren nicht mehr ausdenken, aber ich schreibe es ja Wort für Wort auf Deutsch neu. Und das ist eine Leistung, die man deutlich anerkennen muss.

DKB: Dann ist das Übersetzen auch eine gute Schule, wenn man selbst Autor werden möchte? 

SG: Ja, durchaus. Weil seitdem ich schreibe, gucke ich da nochmal ganz anders drauf und sehe: „Das ist toll gemacht“. Oder „Das hätte man besser machen können.“ Oder „Da hätte man eine gute Lektorin gebraucht.“ Also das befruchtet sich dann auch so gegenseitig. Und es ist natürlich dieses Arbeiten mit Sprache und solange bis es wirklich sitzt, wovon ich beim Schreiben wiederum profitiere.

DKB: …was man auch merkt, wenn man Ihre Bücher liest und möglicherweise auch der Grund dafür ist, dass ihre Sprache atmosphärisch sehr dicht ist…

SG: Also ich lese es mir beim Schreiben und auch beim Übersetzen auch vor, um zu hören, ob da ein schöner Fluss drin ist. Denn selbst wenn es die Leute in der Regel nicht unbedingt hören, sondern lesen. Aber für mich ist das einfach wichtig, dass der Text einen gewissen Fluss hat. Da lege ich immer großen Wert drauf.

DKB: Welches Buch haben Sie zuletzt selbst gelesen?

SG: Selbst gelesen habe ich einen Krimi, in dem Oscar Wilde die Hauptrolle spielt. Das ist so eine ganze Serie. Ich lese viel auf Englisch und das ist ja auch 19. Jahrhundert, also wiederum meine Zeit. Das war sehr originell zu lesen.

DKB: Unsere User wollen immer auch gern etwas über den Autor oder die Autorin wissen. Frau Goga, was ist für Sie ein ganz perfekter Tag?

SG: Ein ganz perfekter Tag? Ich würde sagen, den verbringe ich am besten nicht zuhause, sondern in einer anderen Stadt. Vielleicht in Berlin oder London oder so. Schön essen, sich etwas Tolles angucken, vielleicht ein Besuch im Museum oder ins Theater gehen. Zudem noch eine schöne Buchhandlung oder ein Schuhgeschäft. Von allem etwas, alles woran ich Spaß habe; natürlich auch mit netten Menschen zusammensein. Das ist mir auch wichtig, obwohl ich manchmal auch ganz gerne allein unterwegs bin. Also von allem etwas, Kultur, Essen, vielleicht ein bisschen einkaufen und das in einer tollen Umgebung.

DKB: Welchem Schriftsteller aus der Zeit, über die sie schreiben, wären Sie denn einmal gerne begegnet?

SG: Ach, ich denke mal Erich Kästner. Kurt Tucholsky wäre auch nicht schlecht.

DKB: Haben Sie denn einen neuen Roman schon wieder in Planung? Und wenn ja, können Sie uns schon Näheres sagen?

SG: Also die Wechsler-Krimis, da wird es auf alle Fälle noch einen sechsten Band geben, aber das steht noch in den Anfängen. Ich bin gerade fast fertig mit meinem neuen historischen Roman für DIANA. Der wird so um 1900 in London spielen. Das ist eine ziemlich aufregende Geschichte um eine Schatzsuche, um ein altes Haus, in dem etwas versteckt ist. Der Roman ist fast fertig. Ich bin jetzt beim letzten Überarbeitungsdurchgang. Und danach geht es dann mit Leo weiter.

DKB: Ihre Romane eignet sich doch eigentlich ganz wunderbar für eine Verfilmung fürs Fernsehen oder Kino. Wäre das eine Perspektive für Sie?

SG: … da hätte ich gar nichts dagegen.

DKB: Haben Sie denn schon einmal ein Drehbuch geschrieben?

SG: Nein, damit kenne ich mich eigentlich nicht aus. Das ist ja wieder so ein ganz anderes Genre. Also vorstellen könnte ich mir das durchaus. Das fände ich sehr spannend.

DKB: Frau Goga, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch. Und viel Erfolg für Ihren neuen Roman!

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