Interview mit Anya von Bremzen

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Anya von Bremzen, geboren 1963 in Moskau, schreibt als Journalistin für das Lifestyle-Magazin »Travel & Leisure«, und reist als Restaurant-Testerin um die ganze Welt. Die Kunst, über aufregende Gerichte zu schreiben, hat sie so perfektioniert, dass sie in den USA als Meisterin ihres Genres gilt. Wenn sie nicht auf Reisen ist, dann lebt sie in New York. Wir trafen die Autorin Anfang September zum Interview in Berlin.

 

DER-KULTUR-BLOG: Guten Tag Frau von Bremzen und willkommen in Berlin. Sind Sie das erste Mal in der Stadt?

Anya von Bremzen: Nein, ich war schon oft hier. Das letzte Mal liegt aber schon ein paar Jahre zurück. Berlin ist eine aufregende Stadt mit vielen exzellenten Restaurants. Freunde von mir – ein deutsches Pärchen, das jetzt in New York lebt, wohnten hier und ich habe sie des öfteren besucht. Ich sollte wieder regelmäßig kommen. Ich mag diese Energie, die Berlin ausstrahlt, sehr. Ich liebe aber auch die kleineren Städte in Deutschland. Ich mag Freiburg sehr, eine wunderschöne Stadt und auch Bamberg gefällt mir …

DER-KULTUR-BLOG: … Sie kennen Deutschland anscheinend ganz gut …

Anya von Bremzen: Ja, ich war früher oft hier. Mein Exfreund war ein begeisterter Autofahrer und er liebte deutsche Autobahnen und schnelle Autos und wir fuhren überall hin.

DER-KULTUR-BLOG: Sie sind eine erfolgreiche Frau und berühmte Restaurant Kritikerin. Glauben Sie, dass es für Frauen in dieser Branche in den letzten Jahren einfacher geworden ist Erfolg zu haben?

Anya von Bremzen: Ja, ich denke, es ist eine gute Zeit für Frauen, um als Autorin und Kritikerin erfolgreich zu sein. Viele der Lifestyle Magazine in New York werden von Frauen geleitet und haben überwiegend Frauen in der Redaktion. In der Gastronomie ist es für Frauen aber immer noch schwerer – es geht da oft sehr taff und maskulin zu. Frauen machen gute Fortschritte, aber es ist immer noch eher eine männliche Branche.

DER-KULTUR-BLOG: Freuen sich die Restaurant Besitzer eigentlich mehr auf Ihren Besuch oder fürchten sie eher eine schlechte Kritik?

Anya von Bremzen: Ach, in New York freuen sie sich eigentlich meistens und ich bin willkommen. In London ist es anders, da gibt es quasi eine „Restaurant Kritiker Gang“, die wirklich sehr unfreundlich und rüde ist, unschöne Sachen über Restaurants und deren Köche schreibt. In erster Linie um aufzufallen und zu provozieren. In New York geht es da schon freundlicher zu.

DER-KULTUR-BLOG: Wie wird man eigentlich Restaurant Kritikerin?

Anya von Bremzen: Bei mir war es mehr oder weniger Zufall. Ich war Konzert Pianistin und verletzte mich an meiner Hand. Ich suchte nach Möglichkeiten Geld zu verdienen und kam durch meinen damaligen Freund dazu, ein italienisches Kochbuch zu übersetzen. Da dachte ich mir: ‚Das kann ich auch – ich sollte selbst ein Kochbuch schreiben‘. Glücklicherweise war direkt mein erstes Buch ein kommerzieller Erfolg und ich wurde immer mehr als Autorin und Kritikerin angefragt. Das war vor 20 Jahren. Damals war es noch nicht so in Mode über Essen zu schreiben. In New York gab es diese große Kunstkritiker Szene, von denen wurde ich belächelt, wenn ich sagte, dass ich über Essen schreibe. Aber nun ist es umgekehrt: Jetzt bist du ein Rockstar, wenn du etwas mit Kochen oder Essen zutun hast. Jeder will ein Kochbuch schreiben. Ich sage immer: In den 80ern war es die Kunstwelt, in den 90ern Independent Film und jetzt ist Haute cuisine angesagt.

 

Autorin Anya von Bremzen

Anya von Bremzen

DER-KULTUR-BLOG: Ihr neues Buch hat den Titel „Höhepunkte sowjetischer Kochkunst“ und wurde schon vor der offiziellen Veröffentlichung von Kritikern hoch gelobt. Sind Sie zufrieden mit dem bisherigen Medienecho?

Anya von Bremzen: Ich freue mich natürlich über die gute Resonanz und über das große Medieninteresse. Das verdanke ich auch meinem tollen Team. Mein Lektor arbeitet auch für Barack Obama und mein Agent Andrew Wylie betreut große Autoren wie Salman Rushdie und Philip Roth. Dass die daraus resultierende mediale Beachtung zu positiven Kritiken führt, macht mich sehr glücklich.

DER-KULTUR-BLOG: Haben Sie denn vorab Ihrer Familie oder Ihren Freunden das Buch gezeigt und nach ihrer Meinung gefragt?

Anya von Bremzen: Nein, eigentlich nicht. Nur meiner Mutter und meinem Freund. Er ist ebenfalls Autor und ist immer eine Hilfe beim Schreiben, der sehr genau jede Seite liest. Meiner Mutter musste ich das Buch schon deshalb vorab zeigen, weil es ihr Leben behandelt und sie sicher gehen wollte, dass ich nichts falsches schreibe. (lacht)

DER-KULTUR-BLOG: Sie haben bereits fünf Bücher veröffentlicht, aber ihr neues Buch ist dennoch eine Premiere für Sie, weil es die Geschichte Ihrer Familie erzählt.

Anya von Bremzen: Ja, dieses Buch ist kein Sachbuch, sondern eine biografische Erzählung. Es ist eine völlig neue Erfahrung für mich.

DER-KULTUR-BLOG: Fiel es Ihnen beim Schreiben schwer, Ihre Familiengeschichte und Details aus Ihrem Leben mit dem Leser zu teilen?

Anya von Bremzen: Nun ja, anfangs fragte ich mich eher, ob ich überhaupt soviel schreiben könnte. Ich war es als Kritikerin gewohnt Artikel von drei oder vier Seiten Umfang zu veröffentlichen. Nun erfuhr ich, dass mein Buch  100.000 Wörter umfassen sollte. Aber es fiel mir letztlich doch recht einfach, denn es ist entspannter mehr schreiben zu können. Texte für Hochglanzmagazine und Lifestyle Zeitschriften müssen oft auch extravagant sein. Hier kann die Sprache dagegen in vielen Passagen einfach sein, es ist die Geschichte, die dich einnimmt und ein Buch interessant macht. Man muss etwas zu sagen haben.

Mein Buch ist eine Mischung aus den Memoiren meiner Mutter, das gemeinsame Kochen mit ihr und Erzählungen über die Sowjetunion. Diese Themen sind zwar alle miteinander verbunden, mir war aber anfangs nicht klar, wie ich sie in einem Handlungsstrang zusammenführen sollte. Dann gab mir eine Freundin den entscheidenden Tipp: Sie arbeitet als Autorin in Hollywood und riet mir, ein Storyboard zu entwerfen, um die einzelnen Teile zusammenzufügen. Ich kaufte mir also diese rote Pinnwand und fing an die einzelnen Passagen, die in einem Kapitel vorkommen sollten, anzuheften und hin- und herzubewegen. Das war wie eine Erleuchtung für mich! Ich konnte einfach viele Möglichkeiten ausprobieren und die verschiedene Inhalte schließlich perfekt kombinieren. Unglaublich wie das einem hilft.

DER-KULTUR-BLOG: In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass Ihr erster Eindruck vom amerikanischen Essen nicht der Beste war. Wann haben Sie festgestellt, dass es auch in den USA eine gute Küche gibt?

Anya von Bremzen: Ach, wahrscheinlich war es in Deutschland oder England auch nicht besser: In den 70er Jahren war das Essen fast überall irgendwie schrecklich. In Italien oder Frankreich, Ländern mit einer großen kulinarischen Tradition, war es natürlich besser. Im angelsächsischen Raum gab es aber nicht viele qualitativ gute oder  frische Produkte. Ich denke die Entwicklung begann Mitte der 80er Jahre, als amerikanische Köche ins Ausland gingen, um mit neuen Ideen und Kreationen zurückzukehren. Das Interesse an gutem Essen wuchs. Die ersten Gourmet Köche eröffneten Restaurants  und das Bedürfnis nach guter Küche nahm weiter zu. Es betrifft also nicht nur das amerikanische Essen, sondern die Küche in vielen Ländern.

DER-KULTUR-BLOG: Welche Quellen haben Sie neben den Erinnerungen Ihrer Mutter benutzt, um die Geschichte zu erzählen?

Anya von Bremzen: Neben einigen geisteswissenschaftlichen Büchern, die sich mit der sowjetischen Geschichte und Politik befassen, sprach ich mit vielen Wegbegleitern meiner Mutter und Zeitzeugen, um eine möglichst umfassende Sichtweise und differenzierte Eindrücke wiedergeben zu können. Diese Erinnerung der Menschen gibt ein glaubwürdiges Bild der Zeit wieder.

DER-KULTUR-BLOG: Für viele deutsche Leser wird es spannend sein, einen solchen Einblick der damaligen Zeit in der Sowjetunion zu erhalten.

Anya von Bremzen: Ein Journalist des Stern sagte zu mir, dass die Leser meines Buches die sowjetische Bevölkerung nun nicht mehr als Roboter sehen werden…

(Lachen)

… wie es so oft in totalitären Staaten von Außen betrachtet erscheinen mag. Man erfährt keine persönlichen Lebensgeschichten, sondern nimmt Menschen als anonyme Masse und abstrakte Einwohnerzahl wahr. Ich wollte von den zwischenmenschlichen und alltäglichen Erfahrungen erzählen, die es auch in einem totalitären Regime gibt. Und ich denke, dass Essen ein universelles Thema ist, zu dem jeder überall auf der Welt einen Bezug hat.

Wladimir Iljitsch Lenin

DER-KULTUR-BLOG: Das Essen ist mehr als die bloße Nahrungsaufnahme.

Anya von Bremzen: Ja, Essen hat natürlich auch einen sozialen und gesellschaftspolitischen Charakter und war insbesondere in der Sowjetunion schon immer eng mit der Geschichte des Landes verbunden. Die Februarrevolution hatte den Leitspruch Friede – Freiheit, Land und Brot!“. Der Untergang der Sowjetunion lag eben auch an der Unfähigkeit des Regimes, die gesamte Bevölkerung zu ernähren. Politisch war Essen also immer ein zentrales Thema. Aber auch in der privaten Welt hatte Essen immer gesellschaftliche und soziale Beduetung. In der Sowjetunion gab es kaum Konsumgüter, man konnte mit einer Einladung zum Essen seinen Wohlstand und seine gesellschaftliche Position zeigen.

DER-KULTUR-BLOG: Wie ist denn heute Ihr Verhältnis zu Russland? Haben Sie dort noch viele Verwandte, besuchen Sie das Land regelmäßig?

Anya von Bremzen: Mein Vater und meine Tante leben dort, ich bin regelmäßig da. Mein Buch erscheint ebenfalls in Russland. Einige russische Journalisten haben mir unterstellt, das Buch wäre aus einer westlichen Perspektive geschrieben, weil die Sowjetunion so schlecht dargestellt sei. Ihre Großmütter und Mütter hätten viel positiver von der Zeit berichtet. Meiner Meinung nach lässt dort das selektive Gedächtnis die Dinge im in einem besseren Licht erscheinen.

DER-KULTUR-BLOG: Kommt es Ihnen heute seltsam vor, dass Sie nun einen Beruf haben, der sich mit Essen beschäftigt, weil es Zeiten gab, als Sie und Ihre Familie kaum etwas zu essen hatten?

Anya von Bremzen: Ja – manchmal denke ich mir, dass es komisch und in gewisser Weise ironisch ist, dass ich über Essen schreibe und in den tollsten Restaurants der Welt speisen darf. Es ist fast so als wäre ein Kindheitstraum wahr geworden. Im Rückblick ist es ein merkwürdig Gefühl, in der UdSSR aufgewachsen zu sein, weil es diesen Staat nicht mehr gibt … als wäre man in Atlantis geboren. Es wirkt irreal, auch das Buch erscheint manchmal ein Märchen über eine fiktionale Welt zu sein.

DER-KULTUR-BLOG: Frau von Bremzen wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

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