Interview mit Andy Clark

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Andy Clark kommt mit seinem neuen Album I LOVE JOYCE MORRIS sehr gut bei den Fans und Kritikern an. Das Magazin „Rolling Stone“ nannte ihn jüngst „den bittersüßen Sänger/Songwriter der Saison“. Die BBC lobte ihn für cleveres Songwriting, andere begeistert die filigrane Gitarrenarbeit. Wir hatten den Briten kürzlich zum Interview.

DKB: Andy, Sie stammen aus Eccleston, einem kleinen Ort in Nordengland. Wie sind Sie von dort in das Musikgeschäft gekommen? 

AC: Vor meinem Umzug nach Eccleston hatte ich über zehn Jahre als Profimusiker gearbeitet und hatte mit verschiedenen Labels und Musikverlagen zu tun. Für Musik habe ich mich ursprünglich begeistert, als ich an Universität Jura studierte. In dieser Zeit habe ich mir das Gitarrenspielen beigebracht und angefangen mit einem 4-Spur-Rekorder zu experimentieren, den ich mir von meinem Studienkredit gekauft hatte. Ich habe dann nach einem Jahr das Studienfach gewechselt und Darstellende Künste mit Musik als Hauptfach studiert und dies nie bereut.

Als ich meinen Bachelorabschluss machte, habe ich eine Band gegründet. Wir haben vier Jahre Aufnahmen gemacht und als Vorgruppe vor einigen tausend Zuschauern für Bands gespielt, die damals sehr bekannt waren wie McFly, Girls Aloud und Will Young. Als sich unsere Band auflöste, habe ich eine Solokarriere begonnen und eine EP mit fünf Titeln produziert, was mir eine Fangemeinde auf MySpace bescherte. Außerdem verhalf mir die EP zu meinem ersten Vertrag, als ich für eine private Party in einem Haus gebucht wurde, das einem Freund des Produzenten Chris Hugh gehörte. Damals lebte ich in Bath, im Südwesten Englands, wo ich das Fach Songwriting mit dem Ziel eines Masterabschlusses studierte.

DKB: Ihr neues Album I LOVE JOYCE MORRIS ist Ihr Debütalbum unter Ihrem richtigen Namen.  Allerdings habe ich irgendwo gelesen, dass Sie mehrere andere Alben unter verschiedenen Pseudonymen aufgenommen haben. Haben Sie das gemacht, um Verwechslungen mit anderen gleichnamigen Musikern zu vermeiden, oder warum?

Nein, es war Chris Hughes, der mir empfahl, meinen Namen zu ändern, bevor er das Album veröffentlichte, das er 2011 für mich produzierte. Er hatte das Gefühl, dass ich mein Leben als Berufsmusiker, der in Bars, Restaurants, Cafés und Pubs auftritt, von meiner gerade beginnenden Karriere als Musiker, der im Studio aufnimmt, trennen sollte. Ironischerweise verwende ich diesen Namen bis heute für meine Cover-Gigs. 

DKB: Können Sie uns etwas über die Art und Weise erzählen, wie Sie Ihre Songs schreiben? Schreiben Sie zuerst den Text ohne Begleitung und dann die Musik, oder ist es umgekehrt?       

AC:  Oft fange ich mit dem Schreiben an, wenn ich nach einem Auftritt nach Hause komme. Ich muss mich dann immer entspannen, auch wenn es spät ist. Und meistens greife ich dann zu meiner Gitarre. Die Akkorde und melodischen Ideen fliegen mir in der Regel ziemlich schnell zu und erzeugen dabei eine gewisse Stimmung. Normalerweise fange ich an, phonetisch zu singen, wobei ich mich unbewusst auf bestimmte Wörter festlege. Das Ganze ist im Grunde dann so eine Art Gehirntraining, um das zu entschlüsseln, was mein Unterbewusstsein drängt, Ausdruck zu verleihen. Sobald ich an diesem Punkt angekommen bin, ist es geschafft.  

DKB: Wie findet man Inspiration zum Schreiben von Songs? Ist da Magie in der Luft?  Zapfen Sie Ihre innere Stimme an oder sind die Texte aus Fragmenten all dessen zusammengesetzt, was Sie in Ihrem Alltag beobachten und erleben?

AC: Ich denke, meine Inspiration zum Schreiben von Songs kommt von meinem scheinbar unermüdlichen Interesse an der Natur der Wirklichkeit. Wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl, als würde ich in eine andere Dimension eintreten; oder besser gesagt, als würde ich etwas anzapfen, das immer da ist, aber durch den Alltag verdeckt wird. Ich spüre auch, dass ich mich beim Schreiben Antworten oder der Wahrheit nähere. Es ist so, als würde ich nach etwas suchen, und das ist spannend und macht süchtig.

DKB: Lassen Sie uns ein wenig über Ihr neues Album „I LOVE JOYCE MORRIS“ sprechen. Es gibt Gerüchte, dass „Joyce Morris“ eine saftige Apfelsorte ist, die Sie in Ihrem Garten zu Hause angebaut haben. Ist das gemäß dem englischen Sprichwort „An apple a day keeps the doctor away“ die Art Apfel, die den Arzt fernhält? Nein, im Ernst, wie sind Sie auf den Titel gekommen?

AC: Das Album ist eine Liebesbotschaft an meine Kinder, aber auch eine existenzielle Stellungnahme, von der ich hoffe, dass sie ihnen nützen wird, wenn sie sich später einmal entschließen, sich das Album anzuhören. Ich denke, es funktioniert für mich auch als eine Art Vorstellung. Der letzte Song heißt „Apples“ und kristallisiert die übergreifende Stimmung des Albums heraus. Ich wollte das Album eigentlich erst auch „Apples“ nennen. Dann habe ich ein paar Recherchen angestellt und etwas herausgefunden, nämlich dass Joyce Morris eine ältere Dame war, die in unserem Dorf gelebt hat, bis sie vor zehn Jahren starb. Sie hatte einen Verein für die Wiederbelebung des Apfelanbaus in unserer Gemeinde gegründet, weil Eccleston einmal in unserer jüngeren Geschichte für seine Apfelproduktion sehr bekannt war. Da das Album für meine Kinder bestimmt ist, zog mich sowohl die Ästhetik der Geschichte an als auch der moralische Aspekt, was beides nach meiner Meinung positive Einflüsse für meine Kinder darstellt. Außerdem hat es mich davor bewahrt, das Album „I Love My Children“ zu nennen, was es eigentlich bedeutet.

DKB: Sie haben ja inzwischen von der Fachpresse große Anerkennung für Ihr neues Album erhalten. Wie sehen Sie sich denn selbst als Musiker, und wie würden Sie Ihre Musik jemandem beschreiben, der Sie nie gehört hat?

AC: Ich bin Autodidakt, Produzent und (vor meinem M.A.) Songwriter. Ich sehe mich als in einen  in seinen Fähigkeiten abgerundeten Musiker, aber auch, was noch wichtiger ist, als Denker und Kommunikator, der seine Gedanken und Erfahrungen nur zufällig durch seine Musik ausdrückt, wegen der angeborenen Liebe zu ihr und der Neigung, diese Musik zu machen.

DKB: Was einem beim ersten Hören des Albums unmittelbar auffällt, ist ja, dass es in eine Vielzahl von Genres eintaucht und diese geschickt miteinander verbindet. Da gibt es dieses schöne New Orleans Jazz-Intermezzo in „Welcome to the Party“. „Daddy Please“ hat so ein Blue Grass Feeling.  Und einige Songs deuten darauf hin, dass Sie die Musik der 60er Jahre und vor allem der Beatles zu mögen scheinen. Ist diese Mischung verschiedener Musikstile die Geheimformel, warum das Album bei Kritikern und Fans so gut ankommt?  

AC: Dieser Stilmix auf dem Album war eigentlich gar nicht einmal beabsichtigt. Vielmehr wollte ich mich beim Schreiben und bei der Produktion nur wenig einschränken, damit die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit der Texte für den Hörer spürbar bleiben. Und auch, weil ich möchte, dass meine Kinder wissen und verstehen, dass ihr Vater einen eklektischen Musikgeschmack hat, generell aber aufgeschlossen ist.

DKB: Sie sind nicht nur Singer/Songerwriter, sondern auch Musikproduzent. Haben Sie auch dieses Album selbst produziert?       

AC: Ich habe das Album produziert, aber hierbei eng mit einem Toningenieur zusammengearbeitet, der auch das Studio besitzt, das ich benutzte. Sein Name ist Paul Hutchinson und er ist selbst ein erfolgreicher Produzent. Wir hatten es schon früher drauf, und das Aufnehmen des Albums hat während des ganzen Prozesses sehr viel Spaß gemacht.

DKB: Das Artwork des Albums sieht aus wie ein Kinderbuch. Songs wie „Hunker Down“ und „Sunny Boy“ erinnern an Wiegenlieder. Und in „Daddy Please“ bittet ein Junge seinen Vater, ihm die Welt zu erklären. Kinder oder Elternschaft sind offenbar ein übergreifendes Thema des Albums und scheinen Ihnen sehr wichtig zu sein…..

AC:  Ja, stimmt. Das Thema meines Albums ist die Elternschaft.

DKB: Der Eröffnungstitel „Welcome to the Party“ ist mit einem bestimmten Narrativ verbunden, einem kritischen Apercu über das moderne Leben und die Gesellschaft. Können Sie uns etwas dazu sagen?  

AC: Ich habe „Welcome To The Party“ ein paar Wochen nach der Geburt meiner Tochter geschrieben; direkt nach einem Auftritt eigentlich! Meine Haltung gegenüber der Welt, in die sie gekommen ist, ist ziemlich zynisch; konkret, was das Aufkommen der Social Media und der Verfügbarkeit und Verbreitung von Informationen anbetrifft und wie dies sowohl spürbar negative als auch positive Folgen hat.

DKB: Einer meiner persönlichen Favoriten des Albums ist „But for You“, das mit wunderbarem Finger Picking beginnt und eine sehr eingängige Melodie hat. Es ist auch ein sehr persönliches Lied, mit dem Sie Ihre Gefühle und Gedanken über die Höhen und Tiefen Ihres Lebens teilen. Was ist denn die Quintessenz dieser persönlichen Bestandsaufnahme?

AC: „But For You“ dokumentiert einige herausragende Erfahrungen meines Lebens, zum Wohle meines Sohnes. Er kam in die Welt zu einer Zeit, als ich mich von einer längeren Phase der persönlichen Dunkelheit erholte; nicht, dass ich das als eine schlechte Sache an sich betrachte. Ich sehe das Leiden ähnlich wie Nietzsche, würde ich sagen. Ich wollte ihm etwas über das Gleichgewicht von Dunkelheit und Licht beibringen, das ich für einen vollständigen Bestandteil aller menschlichen Erfahrung betrachte. Ich wollte ihm auch sagen, wie sehr ich ihn liebe.

DKB: Welchen Song oder welche Songs Ihres Albums mögen Sie denn am liebsten?

AC:  Das sind „Monster“, „Hunker Down“ oder auch „Alistair“, das dem kleinen Jungen gewidmet ist, den meine Partnerin und ich verloren haben, bevor unsere Tochter geboren wurde.

DKB: Sie sind gerade auf Tournee in Deutschland. Wie geht es voran?

AC:  Die Tour ist logistisch sehr lustig, aber ich erreiche die Leute und wir haben eine gute Zeit zusammen.

DKB: Schließlich, was hat es denn mit jenen großen Kartons auf dem Dachboden Ihrer Eltern auf sich, die bis zum Rand voll mit Demo-Bänder sind, die Sie bereits in den späten 90er Jahren mit einem Tonbandgerät aufgenommen haben? Können wir irgendwann mal ein paar neue Songs aus diesem Material erwarten?

AC: Ich schreibe die ganze Zeit. Ich werde wahrscheinlich auch nach diesem Interview etwas schreiben. Es wird also noch viel mehr Musik kommen!

DKB: Andy Clark, vielen Dank für das Interview und Ihre Zeit.

Foto: Robin Bleech

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