Inside Llewyn Davis – Der neue Film der Coen Brüder

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Llewyn Davis, fernab der Welt der normalen Menschen, der Spiessbürger. Fernab jener die arbeiten, die ein Leben wünschen mit Familie, mit Häuschen, mit einer festen Beziehung, möglicherweise sogar verheiratet sind. Llewyn hat für diese Menschen nur ein leicht angeekeltes, wenn auch höflich gemeintes, Lächeln übrig. Aber was setzt diesen Menschen ab vom Rest der kleinkarierten Welt. Dass er frei ist? Dass er nur durch seine Worte und sein Leiden, seine Gitarre und seiner Verweigerung ein fröhliches Lied zu spielen, das Leben so lebt wie es gedacht ist? So wie ein Mensch sein muss? Mit unverkäuflicher Seele, mit unendlichem Schmerz und gewillt sein Schicksal so zu nehmen wie es kommen muss, traurig und voller Hohn und Spott gegenüber derer, die kein solches Leben auf fremden Sofa’s wünschen. Missverstanden von der ganzen Welt? Llewyn ist ein Mensch der nicht leben möchte und trotzdem bewundert sein will. Der Menschen nur bedingt achtet aber geachtet werden muss um sich überlegen zu fühlen. Er fühlt sich den Mitmenschen auch dann noch überlegen wenn er verprügelt am Strassenrand liegt und als letzter Mensch der Welt Grund dazu hätte.

 

Man muss ihn als Zuschauer bewundern und bemitleiden und ein wenig hassen, wäre nicht ab und an ein Versuch zu bemerken, nett zu sein zu seiner Welt. Im Verlaufe seiner fast zweistündigen Odyssee (bloss eine Zuspitzung seiner bisherigen und ein Vorspann seiner zukünftigen) vergibt er mehrere Chancen unsere Herzen zu gewinnen. Er vergibt sie, als er Bekannten welche ihm helfen, Schimpf und Schande sagt. Überhaupt hat er ein gutmütiges Umfeld welches diesem Ekel unter die Arme greift, finanziell, mit einem Wintermantel oder einem Bett.

Er sagt die falschen Dinge, trifft die falschen Entscheidungen, wohl auch als er als durchaus talentierter Singer/Songwriter bei einem Chicagoer Labelboss abblitzt. Hätte er das Lied welches er vorspielen durfte so innsbrünstig vorgetragen wie am Ende des Films (nachdem ihm klar wurde dass er nun vielleicht endgültig versagt hatte), vielleicht hätte er noch eine Chance auf eine Karriere gehabt. Llewyn ist ein trauriger Mann, aber manchmal köstlich amüsant. Fast sympatisch weil er nichts richtig macht. Oscar Isaac IST Llewyn voll und ganz. Performt live (singt live) und beeindruckt nachhaltig.

John Goodman stiehlt jedoch ganz beiläufig die Viertelstunde in der er gegen Ende auftaucht, in einer fast surrealen Sequenz auf den Highways zwischen New York und Chicago. Die Coens wissen einfach wie man Goodman zu Gold macht.

Es gibt nur ein grösseres Arschloch in diesem Film als unser unglücklicher Antiheld und das ist dieser Roland Turner, Jazzmusiker, arrogant, selbstverliebt und er lächelt genauso über Folkmusiker wie Llewyn einer ist, wie Llewyn selbst über alle anderen Folkmusiker. Turner zeigt ihm den Meister.  Am Ende hat man sich genau ein Mal um diese Woche in seinem Leben gedreht, endet dort wo man begonnen hat, nach 105 ungemein und seltsam unterhaltsamen Minuten, wo im Grunde genommen nicht viel passiert ist, ausser dass sein Leben noch beschissener wurde und er sich stoisch weigert sich zu ändern auch wenn es seine einzige Chance wäre.

Die Coens haben diese Woche mit viel Mitgefühl inszeniert, mit warmen Farben, traurigen Liedern über einen Mann dem das Sterben an sich nichts ausmacht weil er genug Scheisse gesehen hat, der sich aber vor der langen Zeit im Grab fürchtet, und mit Schauspielern die so wunderbar schräg und lustig sind wie es sich nur die Coens ausdenken können.

Eine grosse, kleine Ballade des Scheiterns. Ein Film der sein schlagendes Herz viel offener zur Schau trägt als der junge Protagonist, dessen verbittertes Herz vom Frust seines Lebens beinahe zerdrückt wurde.

– Urs Hösli

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