The Homesman

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Ein verlotterter Trunkenbold und Deserteur

“Sind Sie ein Engel?”, fragt George Briggs in einer frühen Szene des Western „The Homesman“ die mutige und einsame Grenzerin Mary Bee Cuddy, die in einem kleinen Nest irgendwo in Nebraska zufällig seinen Weg kreuzt. Briggs, ein verlotterter Trunkenbold und Deserteur befindet sich da auf dem Rücken seines Pferdes, das faltige Gesicht von Ruß geschwärzt, mit einer Schlinge um den Hals, die an dem Ast eines knorrigen Baumes befestigt ist und sich zuzuziehen droht, sobald das Pferd lostrabt. Kurz zuvor hat eine selbsternannte Bürgerwehr Briggs aus seiner Hütte ausgeräuchert, die er illegal besetzt hatte, und ihn dann aufgeknüpft.

Jenseits der 30, sucht sie nun verzweifelt nach einem Mann

Nein, natürlich ist Mary Bee kein Engel. Sie ist aber eine gottesfürchtige, gebildete Frau, deren Familie aus dem Staat New York stammt. Das Leben als Grenzerin im Nebraska des 19. Jahrhunderts mit seiner glühenden Hitze und den endlosen, konturlosen Ebenen ist mühsam.
Mary Bee ist jedoch stark, ideenreich und hat es mit Fleiß und harter Arbeit zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Jenseits der 30, sucht sie nun verzweifelt nach einem Mann, den sie heiraten und mit dem sie den Wohlstand mehren kann.Im Umgang mit dem anderen Geschlecht ist sie freilich etwas unbeholfen, setzt sich über die Konventionen der Gesellschaft hinweg und verschreckt die wenigen Männer, die in Frage kommen, indem sie ihnen unverblümt einen Heiratsantrag macht, was ihr den Ruf einbringt, herrschsüchtig zu sein.
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In einem Augenblick tiefster emotionaler Niedergeschlagenheit erhält sie Besuch von dem Geistlichen der Gemeinde, der ihr die schreckliche Nachricht überbringt, dass drei Grenzerinnen, die infolge unterschiedlicher Schicksalschläge den Verstand verloren haben, nach Ohio gebracht werden müssen, wo ein Mitglied der örtlichen Gemeinde sich ihrer annehmen will. Mary Bee meldet sich für diese unvorstellbar schlimme und gefährliche Aufgabe freiwillig. Aber sie braucht jemanden, der sie begleitet und schützt.

Der Film nimmt einige überraschende Wendungen

Doch die furchtsamen Männer in ihrer Umgebung haben sich mit allerlei Ausreden vor dieser Aufgabe gedrückt, so dass sie allein aufbricht. In dieser Situation trifft sie zufällig den Halunken Briggs in seiner misslichen Situation, schneidet ihn vom Ast und bewegt ihn mit einer Mischung aus Drohungen, schulmeisterlichen Belehrungen und Bestechung dazu, ihr bei der Erledigung ihres schrecklichen Auftrags zu begleiten. Briggs und Mary Bee treten ihre gefährliche, strapaziöse sechswöchige Reise in einer von wechselseitigem Groll und Argwohn bestimmten Atmosphäre an, doch allmählich brechen die emotionalen Verkrustungen auf, und der Film nimmt einige überraschende Wendungen.

Eine starke Frau im Mittelpunkt

„The Homesman“, Tommy Lee Jones vierte Regiearbeit, ist ein Western, der eigentlich keiner ist. Oder besser einer, der die Regeln des Genres auf den Kopf stellt. Klar, manche Szene erinnern an Klassiker wie Fords „Ringo“ oder Mangolds „Todeszug nach Yuma“. Der wehrhafte Cowboy oder Sherif und der Bösewicht fehlen hier jedoch ebenso wie die im Genre häufigen Schießereien im Saloon um schöne Frauen oder um den Gewinner beim Pokern zu prellen. Stattdessen steht eine starke Frau im Mittelpunkt und der Trek zieht nicht nach Westen, sondern nach Osten. Jones erzählt seine Geschichte mit opulenter Optik und großer narrativer Kompetenz. Er treibt den Plot ohne Abschweifungen konsequent vorwärts und meistert mühelos die abrupten atmosphärischen Schwankungen zwischen brutalem Schock, schwarzer Komödie und Sentimentalität. Hinzu kommt die Besetzung, die mit Jones als brummelnder mißgelaunter Briggs ebenso brilliert wie Hillary Swank in der Rolle der Mary Bee Cuddy, die sie mit viel Würde und Charme spielt.

The Homesman
Kinostart: 18.12.2014

Fotos: ©Foto: Dawn Jones

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