Happy Birthday, Ringo Starr!

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In den späten 1960er Jahren, die Drummer-Legenden wie Mitch Mitchell, Ginger Baker und John Bonham hervorbrachten, wurde Ringo Starr oft sträflich unterschätzt. Dennoch trugen sein innovatives Spiel, seine rhythmischen Hooks und sein untrügliches Gefühl zu dem Sound der Beatles entscheidend bei. Heute wird er 80. Happy Birthday, Ringo!

Zunächst deutet nur wenig auf eine vielversprechende Karriere als Rockmusiker hin. Richard Starkey, so sein wirklicher Name, wird am 7. Juli 1940 in Liverpool geboren. Dingle, das Stadtviertel, in dem er aufwächst, ist ein sozialer Brennpunkt, der von Armut, Kriminalität und Gewalt geprägt ist. Die Eltern trennen sich früh. Als Kind ist Ringo häufig krank, verbringt lange Jahre im Krankenhaus. Als er die Schule vorzeitig verlässt, kann er kaum schreiben und lesen. Einen Beruf erlernt er nicht, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Seine große Leidenschaft ist jedoch die Musik, seit sein Stiefvater dem 13jährigen eine Trommel schenkte.

Mit 15 gründet er seine erste Band. Später sitzt er bei Rory Storm & the Hurricanes am Schlagzeug, der damals besten Band in Liverpool, mit der er Anfang der 1960er Jahre im Kaiserkeller in Hamburg spielt, wo er auch die Beatles kennenlernt. Manchmal springt er für deren Schlagzeuger Pete Best ein. Die Beatles sind von Ringos professionellem, energiegeladenem Spiel begeistert. Wenig später, als Pete Best gefeuert wird, holen sie ihn als Drummer in die Band. Der Rest ist Geschichte.

An den technischen Fähigkeiten von Ringo Starr scheiden sich bis heute die Geister. 1983 leistet der britische Komiker Jasper Carrott einen wenig hilfreichen Beitrag zur Beatles-Legende, als er dem drei Jahre zuvor ermordeten John Lennon einen Witz in den Mund legte, der heute noch gerne kolportiert wird. „Nein, Ringo ist nicht der beste Schlagzeuger der Welt“, soll Lennon über seinen ehemaligen Bandkollegen gesagt haben. „Er ist nicht einmal der beste Drummer, den die Beatles hatten.“

Obwohl von dem namhaften Beatles-Experten Mark Lewisham längst widerlegt, sagt diese Falschdarstellung doch viel über die öffentliche Wahrnehmung von Ringo aus. Manchen gilt er als ein mäßig begabter Pub Drummer, der seinen Platz bei den Fab Four eher einer gehörigen Portion Glück statt seinem Talent als Schlagzeuger verdankt. Ein Geselle mit überschaubarem handwerklichem Geschick, der neben drei überragenden musikalischen Genies steht. 

Zweifel an diesem Urteil sind erlaubt. Ringo Starr war nicht nur der witzigste Beatle, das Herz und die Seele der frühen Pressekonferenzen, der mit seinen Kalauern alle zum Lachen brachte. Auf die Frage einer Journalistin, ob er ein Mod oder Rocker sei, antwortete er trocken, er sei ein Mocker. Mit seinen komischen Sprachverdrehungen („A Hard Day’s Night“; „Tomorrow Never Knows“) inspirierte er manche Hits der Band. Vor allem: Er war nicht nur der beste Schlagzeuger der Beatles. Er war der beste Schlagzeuger für die Beatles.

Das ist eine wichtige Unterscheidung, die man treffen muss, um Ringos Leistung gerecht zu werden. Seine Beats hatten vielleicht nicht die furiose technische Klarheit eines John Bonhams oder die phänomenale Präzision Clyde Stubblefields, des Schlagzeugers von James Brown. Aber was der Mann mit den vielen Ringen an den Fingern hatte, passte eben perfekt zu den Beatles, wo Bonham zu protzig und Stubblefield ein Stück zu tight gewesen wären.

Die meisten heutigen Drummer von Rang und Namen sind sich dessen bewusst und zollen Ringo längst tiefen Respekt. Für Dave Grohl (Nirvana; Foo Fighters) beispielsweise ist er der König des Gefühls. Das bedeutet auch, dass viele seiner besten Darbietungen häufig unbemerkt bleiben. Beats, die den Song aufwerten, anstatt die technische Virtuosität des Schlagzeugers ins Rampenlicht zu stellen.

Wie beispielsweise der kurze, knackige Wirbel auf dem Tom-Tom im Song „She Loves You“, ein Schuss Adrenalin und Vorbote der anbrechenden überschwänglichen Beatlemania.

Oder das synkopische Pattern bei „Ticket To Ride“, mit dem die Fab Four aus den konventionellen Hörgewohnheiten der frühen Beatmusik ausbrechen.

Oder die wunderschön verschachtelten Breakbeats, die unerwartet zuckende Snare, die das verstörende Gefühl psychedelischer Verwirrung im Song „Tomorrow Never Knows“ unterstreicht. Wie würde sich „Strawberry Fields Forever“ wohl ohne Ringos weltentrückten Tom Fills anhören, die den Zuhörer in Lennons Selbstbetrachtungen hypnotisch hineinziehen? Innovativ ist auch sein Zusammenspiel von Hi-Hat und Wirbel über die Toms im Song „Come Together“, das vermuten lässt, dass Ringo diesen Part Note für Note wie eine Art Gitarren-Riff konzipiert hat. 

Seinen heutigen 80. Geburtstag feiert Ringo Starr mit einem virtuellen Wohltätigkeitskonzert, das auf seinem Youtube-Kanal übertragen wird, und an dem neben seinem alten Bandkollegen Sir Paul McCartney viele bekannte Musiker zu sehen und zu hören sind. Der Erlös geht an die David Lynch Foundation, MusiCares, WaterAid und das Black Lives Matter Global Network, für das Starr sich vehement eingesetzt hat.

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