AyseDeniz Gokcin- gestern Abend in Berlin

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… entdeckte ich eine neue Event Location und erlebte eine Künstlerin, die ich bislang nur von ihren zugegeben sehr inspirierenden Videos kenne. Obwohl ich nun schon 15 Jahre in Berlin lebe, war ich noch nie im Wedding unterwegs. Mit der U-Bahn ist der Weg von Wilmersdorf aus kurz und ich muss nur am Ausstieg UB-Nauenerplatz schauen, welche Richtung ich die Reinickendorfer Straße entlang laufen muss. Dabei hilft mir spontan ein hilfsbereiter und netter Döner-Besitzer, der meinen hilflosen Blick wohl gesehen haben muss und fragt, wohin ich denn will. Gut informiert marschiere ich los und komme mit geringer Verspätung im „silent green Kulturquartier“ an. Das alte Krematorium liegt in einem kleinen Grüngelände, an dem sich linksseitig ein Friedhof befindet. Trotzdem kommt an diesem lauen Sommerabend gar keine trübe Stimmung auf. Im Gegenteil, das Gebäude ist schön renoviert. Der kleine Konzertsaal hat die Form eines Pentagons und ist indirekt beleuchtet – eine fantastische Atmosphäre. In der Mitte steht auf einem runden Podest der große Flügel, und die Künstlerin AyseDeniz Gokcin hat schon ihren Platz eingenommen. Sie stellt sich vor, ist ein wenig aufgeregt, charmant, sympathisch und attraktiv. Es geht an diesem Abend vor allem um den Ex-Nirvana Gitarristen und Sänger Curt Cobain. Gokcins Interpretationen seiner Songs sind eine Hommage an den 1994 verstorbenen Musiker, offenbaren aber sogleich, wie meisterhaft die Künstlerin die Tasten des Flügels und mehr bedient.

Denn die türkisch-stämmige Pianistin, die in London lebt, huscht mit ihren zierlichen flinken Fingern nicht nur über die Tasten, sondern greift gelegentlich in das Innere des Instrumentes und zupft an den Saiten. Prokofiev, Rachmaninoff und Chopin sind die Klassiker, die sie mit den Songs Kurt Cobains verbindet.

„Something in the Way“, damit beginnt diese Hommage, und wer das Stück kennt, ist erstaunt über die Wiedererkennbarkeit der Interpretation, die Teile von Chopin’s Funeral March (Piano Sonata No. 2, III.) integriert. Auch für nicht geübte Ohren ist deutlich zu hören, dass hier eine sehr talentierte und kreative Pianistin am Flügel sitzt. Was Kurt Cobain in „Come as you are“ ausdrückt, die chaotischen emotionalen Stimmungen, die den Sänger plagten, erweitert sie mit im barocken Stil gefassten Pianospiel – einfach atemberaubend. Den ersten Teil des Konzertabends rundet eine beeindruckende Eigenkomposition ab. Nach der Pause erscheint die Künstlerin anders gewandet – statt Goldweste und Jeans trägt sie nun ein schlichtes, schönes Kleid, dessen Oberteil mit gewirkten Spitzen verziert ist. AyseDeniz erklärt, dass sie angesichts des jüngsten Terroranschlags auf dem Flughafen Istanbul die „Pathetique Sonata“ von Ludwig van Beethoven spielen will, um der Opfer dieses schrecklichen Attentats zu gedenken und um sich bei den Berlinern für die Solidaritätsbekundungen mit der Türkei zu bedanken.

Weiter geht es mit Pink Floyd und ihren Songs „Hey you“, Wish you were here“ und „Another Brick in the wall“, die sie „lisztifiziert“, also im Stil von Franz Liszt interpretiert. Viel Erfolg hatte die sehr sympathische 28jährige bereits mit diesem Album, das in einer zweiten Ausgabe inzwischen wieder vorliegt.
Mit Michael Jacksons „Billie Jean“ und einer weiteren Zugabe ging ein wunderbarer und beeindruckender Konzertabend zu Ende, der ein begeistertes Publikum zurückließ.

Tietelfoto zeigt Humboldthain-Wahrzeichen in Berlin-Wedding

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