Garten der irdischen Freuden – Ausstellung im Gropius Bau

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Als künstlerisches Motiv bietet der Garten seit jeher inspirierende Kraft. Vom 26. Juli bis 1. Dezember 2019 interpretieren 20 internationale Künstler*innen in der Ausstellung Garten der irdischen Freuden im Gropius Bau das Motiv des Gartens als eine erweiterte Metapher für den Zustand der Welt, um die komplexen Zusammenhänge unserer chaotischen und zunehmend prekären Gegenwart zu erforschen.

In der heutigen Zeit, die durch einen radikalen Klimawandel und Migrationsbewegungen bestimmt ist, wird der Garten als poetische Ausdrucksform und Kristallisationspunkt fundamentaler Aspekte menschlicher Existenz zu einem Instrument, um unsere Gegenwart in all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit zu erkunden.

Neben der klassischen Lesart des Gartens als einem abgeschlossenen und begrenzten Sehnsuchtsort voll meditativer, spiritueller und philosophischer Möglichkeiten, wird er in der Ausstellung als ein Ort der Dualität und des Widerspruchs sowie eine Metapher für einen Zustand des Ausgegrenztseins begriffen. Er ist Grenzbereich zwischen Realität und Fantasie, Utopie und Dystopie, Harmonie und Chaos, Eros und Perversion, Natürlichkeit und Künstlichkeit, dem Ausgeschlossen- und dem Teilsein – ein Paradies, dem das bedrohliche Gefühl der Vertreibung innewohnt.


Heather Phillipson, „Mesocosmic Indoor Overture“, 2019
Still aus Multiscreen-Videoinstallation Heather Phillipson

Garten der irdischen Freuden reflektiert die Idee des Gartens auch politisch und aus unterschiedlichen kulturellen und philosophischen Blickwinkeln. Durch eine Vielzahl zeitgenössischer künstlerischer Positionen verhandelt die Ausstellung soziale, politische und ökologische Phänomene wie Migration, Kolonialisierung, Globalisierung, Kapitalismus sowie Gentrifizierung und zeigt Strategien, die den Garten subversiv instrumentalisieren und so zum politischen Nährboden formen.

Maria Thereza Alves rückt in ihrer Arbeit wiederum weitgehend unbeachtete Zeugen unserer Geschichte ins Blickfeld – Samen, die als koloniales Raubgut, Ballast für Schiffe oder zur Kultivierung exotischer Nutzpflanzen ihren Weg nach Europa fanden. Die Die Künstlerin legt aus Samen, die bei Ausgrabungen in Spreenähe in Berlin gefunden wurden, einen Garten an, der als archäologische Untersuchung von Pflanzen und Politik im Außenbereich des Gropius Bau wächst.

Während bei Alves im Gedeihen von Samen Geschichte sichtbar wird, richtet Jumana Manna den Blick in die Zukunft: Ihre Filmarbeit entspinnt sich rund um den Samenspeicher Global Seed Vault, in dem Pflanzensamen für eine Zukunft konserviert werden, die ihnen im Zuge des Klimawandels keinen Lebensraum mehr bietet. Der auf einer Insel im Nordpolarmeer gelegene Speicher erscheint dabei als Ort, an dem sich globale Fragen nach katastrophalen klimatischen Veränderungen, Umweltschutz und Biodiversität in eindringlicher Weise verdichten.

Daneben wird der Garten auch in seiner sinnlichen Dimension erfahrbar gemacht – etwa in einer immersiven Installation Hicham Berradas, die den Rhythmus von Tag und Nacht verkehrt. Durch die Abdunklung des Ausstellungsraums verströmt Nachtjasmin seinen intensiven Geruch und führt die Besucherinnen in eine Traumwelt, die Nachtjasmin seinen intensiven Geruch und führt die Besucherinnen in eine Traumwelt, die jedem zeitlichen Kontext enthoben ist.

Homo sapiens sapiens, 2005 audio-video installation (video still) © Pipilotti Rist, Courtesy the artist, Hauser & Wirth and Luhring Augustine

Pipilotti Rist lädt dazu ein, sich in einer paradiesischen Vision des Gartens voll satter Farben und atmosphärischer Klänge zu verlieren; in ihrer Videoarbeit entwirft sie eine unbedrohte Utopie, in der sich zwei Frauen lustvoll der Erkundung einer unendlich scheinenden Naturfülle und ihrer eigenen Körperlichkeit hingeben.

Die Nähe von Utopie und Dystopie, Freude und Furcht reflektiert dagegen Yayoi Kusama; die Besucher*innen können sich zwischen drei überlebensgroßen Tulpen in einem Raum bewegen, der vollständig mit den für die Arbeiten der Künstlerin charakteristischen Punkten bedeckt ist. Durch die Auflösung von räumlichen Dimensionen und vertrauten Perspektiven verwandelt sich das zunächst freundlich-verspielt wirkende Szenario in eine zunehmend bedrohliche Umgebung, die in ihrer Verzerrung Züge des Wahnhaften trägt.

Yayoi Kusama With All My Love for the Tulips, I Pray Forever, 2013-2014 fiberglass reinforced plastic, urethane paint and stickers, dimensions variable Installed at Shanghai MoCA, 2013-2014 © YAYOI KUSAMA Courtesy of Ota Fine Arts, Tokyo / Singapore / Shanghai

In der Zusammenführung vom Katastrophischen und Paradiesischen zeigt sich die Ausstellung von Hieronymus Boschs Triptychon Garten der Lüste aus dem 15. Jahrhundert inspiriert, auf das auch der Titel Bezug nimmt. Für sein Werk wählte Bosch einen konzeptionell polaren Ansatz, in dem Himmel und Hölle, Freude und Schmerz eng miteinander verbunden sind. Die in der Nachfolge Boschs im Zeitraum von 1535 bis 1550 entstandene Version des Garten der Lüste bildet daher einen Ausgangspunkt der Ausstellung und führt die Besucher*innen in die inneren Widersprüche des Gartens in der christlichen Tradition ein.

Mit Arbeiten von Maria Thereza Alves, Korakrit Arunanondchai, Hicham Berrada, John Cage, Tacita Dean, Nathalie Djurberg & Hans Berg, Futurefarmers, Lungiswa Gqunta, Libby Harward, Rashid Johnson, Yayoi Kusama, Louise Lawler, Renato Leotta, Isabel Lewis, Jumana Manna, Uriel Orlow, Heather Phillipson, Pipilotti Rist, Maaike Schoorel, Taro Shinoda, Zheng Bo sowie einem Gemälde aus der Bosch-Nachfolge.

Kuratiert von Stephanie Rosenthal mit Clara Meister

26. Juli bis 1. Dezember 2019 im Gropius Bau Berlin

Titelbild: © Pipilotti Rist, Courtesy the artist, Hauser & Wirth and Luhring Augustine

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