Filmkritik Maria Stuart, Königin von Schottland

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In den traditionellen Geschichtsbüchern kommt Maria Stuart, die Königin Schottlands, nicht gut weg. Historiker sehen sie vielfach als Versagerin auf dem schottischen Thron, als mutmaßliche Ehebrecherin, die an der Ermordung ihres Ehemanns beteiligt war, und aktive Unterstützerin mehrerer Verschwörungen zur Ermordung der englischen Regentin Elisabeth I., eines Verbrechens, das sie schließlich auf das Schafott bracht.

Das historische Filmdrama MARIA, KÖNIGIN VON SCHOTTLAND der britischen Theater- und Filmregisseurin Josie Rourke sieht in der unseligen Monarchin dagegen eher ein Opfer männlicher Intrigen. Beau Willimon, Autor der Erfolgsserie „House of Cards“, hat das Buch geschrieben, das auf der voluminösen Biografie „Queen of Scots: The True Life of Mary Stuart“ des renommierten Tudor-Experten John Guy basiert.

In England herrscht derweil Elisabeth I., die jungfräuliche Königin, für die sich trotz intensiver Bemühungen kein politisch geeigneter Ehemann finden lässt.

Die Handlung beginnt mit der Exekution Maria Stuart im Jahre 1587. Wir sehen, wie sie aus ihrem Kerker zum Richtblock geführt wird. Mit Hilfe ihrer Hofdamen legt sie ihr schlichtes Überkleid ab und tritt in einem roten Unterkleid an den Richtblock, wo sie auf Latein einGebet sprcht, bevor der Henker sein Beil erhebt, um sein blutiges Handwerk zu verrichten. Dann blendet der Film zurück und erzählt seine Geschichte ab dem Augenblick, als Maria Stuart nach mehr als einem Vierteljahrhundert schottischen Boden wieder betritt und ein Land vorfindet, das durch religiöse Konflikte und zerstrittene Clans tief gespalten ist. Obwohl erst 18 Jahre alt, ist sie bereits verwitwet. Nach dem Tode ihres Mannes, des Königs François II., hat sie Frankreich verlassen, weil sie keine Aussicht auf den französischen Thron hatte.

In Schottland erweist sich Maria als unkonventionelle, moderne Herrscherin, deren Temperament, Witz und Charisma das langweilige Regierungsgeschäft beleben. Ihre lebhaften Gewänder bringen ein Farbtupfer an den ansonsten düsteren schottischen Hof. Ihre weltoffene, liberale Haltung und Toleranz in Fragen des Glaubens und der Lebensführung lassen ihren Kronrat indessen schon bald misstrauisch aufhorchen, allen voran ihren protestantischen Halbbruder James Stewart, den 1. Earl of Morray, der während ihres Exils in Frankreich und nach dem Tode der Mutter die Geschäfte führt. Der radikale protestantische Prediger John Knox wettert von der Kanzel herab gegen Maria und prangert ihren angeblichen Hang zum Luxus und ausschweifenden Lebenswandel an.

Maria als unkonventionelle, moderne Herrscherin, deren Temperament, Witz und Charisma das langweilige Regierungsgeschäft beleben.

In England herrscht derweil Elisabeth I., die jungfräuliche Königin, für die sich trotz intensiver Bemühungen kein politisch geeigneter Ehemann finden lässt. Wohl auch weil sie eine Heirat nicht wirklich will, da sie befürchtet, ein Ehemann könnte sie vom Thron verdrängen. Der Hofstaat von Elisabeth I. ist anders als das bescheidene Pendant ihrer schottischen Cousine glanz- und prunkvoll. Ihre Kleidung, Haartracht und Makeup sind verschwenderisch und pompös, Zeichen eines aufstrebenden und mächtigen Königsreiches.

Beide Herrscherinnen sind miteinander verwandt und nicht nur durch die Religion getrennt. Elisabeth I, die Tochter Heinrichs VIII, ist Protestantin, während ihre Cousine einer katholischen Dynastie entstammt. Als Enkelin von Margret Tudor, der Schwester Heinrichs VIII, hat sie einen begründeten Anspruch auf den englischen Thron. Viele ihrer katholischen Untertanen sehen zudem in ihr die legitime Königin Englands.

Dies führt zu einer Reihe verhängnisvoller Konflikte zwischen den beiden Frauen und verschafft den Mitgliedern beider Kronräte reichlich Raum für üble Ränkespielen. Beide Königinnen sind je auf ihre Weise Schachfiguren in den Ränkespielen fieser Höflinge und machtgieriger Berater, die ihre Treue gegenüber den Monarchinnen nur zum Schein bekunden, in Wahrheit aber deren Herrschaft und Autorität zu untergraben trachten. In dieser Situation kann man niemandem gänzlich trauen. Freier, Liebhaber, Botschafter, Berater und Staatssekretäre – sie alle verfolgen ihre eigenen Pläne.

Selbst Marias geliebter Halbbruder erweist sich als Verräter und wird später zu ihrem Untergang maßgeblich beitragen. Nicht immer ist sich Maria der Gefahr bewusst, in der sie sich befindet, während Elizabeth sich wohl größerer Sicherheit erfreut, diese aber mit ihrem persönlichen Glück und ihrer Autonomie bezahlt. Während Maria umgeben von liebevollen Hofdamen aufblüht und die Grenzen ihrer Unabhängigkeit erprobt, wirkt ihre Cousine, eingeschnürt in kunstvollen Gewändern und den Mauern ihres prachtvollen Palastes, immer kühler und unnahbarer und den eigenen Wünschen zunehmend entfremdet.

Die entscheidende Frage, die den Plot vorwärtstreibt, betrifft die Koexistenz von zwei Ländern, Schottland und England, deren royalen Erblinien und damit Ansprüche auf die englische Krone sich überschneiden. Der Erbe von Marias Thron hätte auch Recht auf die englische Krone, wenn Elisabeth I. ohne Nachkommen stirbt.

Deshalb ist Maria eine permanente Bedrohung für die Position ihrer Cousine. William Cecil, dem einflussreichen Chefberater von Elisabeth I., ist dies klar und betreibt deshalb tatkräftig und mit allen Mitteln den Sturz Marias, sobald sie sich auf schottischem Boden befindet, was ihm schließlich mit der von ihm maßgeblich betriebenen Hinrichtung Marias auch gelingt.

Begegneten sich Elizabeth und Maria Stuart wirklich?

Der erwartende pedantische Faktencheck des Films wird möglicherweise einwenden, dass Marias Toleranzbekundungen für Ausländer, Homosexuelle und Freidenker ein wenig überzogen wirken und allzu sehr auf die politischen Korrektheiten unserer Gegenwart bezogen sind. Zudem gibt es keinen historischen Beleg für ein persönliches Treffen der beiden Königinnen. Kritiker mögen zudem einwenden, dass der Versuch des Films, das überkommene Bild der schottischen Königin zu revidieren, einen Schritt zu weit geht, wenn er Elisabeth I. als neurotische, unentschlossene und introvertierte Gegenspielerin und inkarnierten Gegensatz ihrer temperamentvollen und aufgeschlossenen Cousine zeigt.

Filmregisseurin Josie Rourke bei den Dreharbeiten

Dennoch ist Maria Stuart, Königin Schottlands durchaus sehenswert, weil er zu einer anderen Sicht provoziert und mit Saoirse Ronan und Margot Robbie zudem hervorragend besetzt ist. Robbie spielt Elisabeth I. als geisterhafte, manierierte Regentin, deren kunstvollen Gewänder sie ebenso einschnüren wie die Mauern ihres prächtigen Palastes, indem sie ihren Beratern ausgeliefert scheint. Ronans Maria ist demgegenüber eine weltoffene, geistreiche Monarchin, die sich Elisabeth verbunden fühlt und darauf vertraut, ihr bei der Wiedererlangung ihres Throns behilflich zu sein. Nicht zuletzt überzeugt der Film mit kraftvollen, opulenten Bildern, die schön und spannend anzusehen sind.


Ab heute in den Kinos

Fotos: Universal-Pictures-International-Germany

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