Doing the Document – Fotografien von Diane Arbus bis Piet Zwart

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Fotograf*innen, die auf kontinuierliche Weise über Jahrzehnte hinweg Themen verfolgen wie die Fotografien von Diane Arbus, Boris Becker, Karl Blossfeldt, Walker Evans, Lee Friedlander, August Sander und vielen mehr, sind dem dokumentarisch-künstlerischen Ansatz verhaftet. Bei Sander können solche Reihen einen Atlas der Menschen des 20. Jahrhunderts bilden, oder bei Blossfeldt ein solches der Formenvielfalt von Fauna und Flora. In der „direkten Fotografie” vereinigt sich die wechselvolle Rezeption der Fotografie als künstlerische und dokumentarische auf besondere Weise.

Lee Friedlander New York City, 1963 Gelatinesilberpapier, nach 1969
© Lee Friedlander, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco
Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln

In der Zusammenschau lässt sich zugleich der wechselseitige Einfluss deutscher und amerikanischer Positionen in der verdichteten Kulturlandschaft des Rheinlandes der 1960er bis 1990er Jahre nachvollziehen. Hier waren in den 1970er Jahren die ersten Galerien für Fotografie zu finden, die sich für August Sander, Florence Henri, Piet Zwart, Karl Blossfeldt, aber auch für die amerikanischen Positionen der 1960er Jahre wie Walker Evans, Diane Arbus, Lee Friedlander, Garry Winogrand begeisterten und durch kontinuierliche Vermittlungsarbeit bekannt machten. Zugleich übten Bernd und Hilla Becher mit ihrer Lehre an der Kunstakademie Düsseldorf großen Einfluss aus. Und nicht zuletzt prägten bedeutende monografische Ausstellungen sowie Gruppenausstellungen nachhaltig die Rezeption. L. Fritz Gruber zeigte bereits in den 1950er Jahren August Sander in den Photokina Bilderschauen. Die Kunsthalle Düsseldorf stellte 1976 Fotografien von Walker Evans aus, und Klaus Honnef kuratierte zeitgleich wichtige Gruppenausstellungen dokumentarischer Fotografie im Rheinischen Landesmuseum, Bonn.

Boris Becker Goat Stable, (Ziegenstall), 2007 C-Print & Diasec
Ed. 2/5 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln

Dieser dokumentarisch-künstlerische Ansatz wird mit Doing the Document vorgestellt und zugleich befragt. Walker Evans bezeichnete seine Fotografien nicht als dokumentarisch, sondern sprach von einem „dokumentarischen Stil“. 1967 zeigt das Museum of Modern Art in New York, Werke von Arbus, Friedlander und Winogrand, alle auch hier vertreten, unter dem Titel New Documents.

Wo endet das Dokument und wo beginnt die künstlerische Geste? Dies ist eine Frage, die in der Geschichte der Fotografie immer zur Diskussion stand und auch heute, in postfaktischen Zeiten und der zunehmenden Ästhetisierung von Archiv- und Dokumentationsmaterial in der zeitgenössischen Kunst wieder neu zu verhandeln ist. Der Ausstellungstitel Doing the Document löst bewusst die vermeintlichen Gegensätze von „herstellen (doing)“ und „dokumentieren“ auf, um die immer wieder beschworene „Krise der Repräsentation“ im Werk von zwanzig Fotograf*innen und deren Rezeption auszuloten.

Zu verdanken ist diese Ausstellung einer Schenkung von über zweihundert Werken deutscher und amerikanischer Fotograf*innen durch die Kölner Familie Bartenbach, die die Sammlung des Museum Ludwig kürzlich substanziell erweitert hat. Die Schenkung ergänzt die Sammlung Fotografie im Museum Ludwig hervorragend, da sie Lücken füllt, sowie bestehende Schwerpunkte vertieft und erweitert. In der deutsch-englischen Publikation wird dies umfassend vorgestellt werden, während die Ausstellung sich ganz auf die Schenkung fokussiert.

Doing the Document. Fotografien von Diane Arbus bis Piet Zwart

Die Schenkung Bartenbach
31. August 2018 – 6. Januar 2019
Museum Ludwig

Titelfoto: David Hockney – John St. Claire Swimming, April 1972 (John St. Claire beim Schwimmen, April 1972) aus der Serie “Twenty Photographic Pictures by David Hockney”, 1976 © David Hockney
Foto: Richard Schmidt