Die Uhr kann gehen – das Ende der Gehorsamkeitskultur

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Wir besitzen viele Sinne, ein Zeitsinn jedoch gehört nicht dazu. Wie wir alle wissen, ist auch das Zeiterleben höchst subjektiv. Zwar gibt es eine sogenannte innere Uhr, die unseren Schlaf- und Wachrhythmus reguliert, und lange waren die Zeiten der Nacht und des Tages – hell und dunkel – für den Menschen ausreichend, um sich daran zu orientieren. Doch unsere Vorstellungen von der Zeit haben sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert. Zum Ende des Mittelalters, also etwa vor 600 Jahren, richtete sich das Leben im Abendland zeitlich neu aus.

Die Uhr bestimmte mit ihrem Takt das gesamte Leben neu. Zeitpunkte spielten nach und nach eine immer größere Bedeutung. Zuerst nur grob – morgens, mittags, abends. Bis sie immer mehr und differenzierter wurden und damit auch mehr Macht über die Menschen bekamen. Und plötzlich gab es sie, die vielen Zeitprobleme. Obwohl die Uhr diese eigentlich abschaffen sollte. Wie konnte es dazu kommen?

Heute tragen die meisten Menschen keine Uhr mehr, um die Zeit abzulesen, und nur Nostalgiker rufen noch bei der Telekom wegen der Zeitansage an. Die Uhr hat ihre Schuldigkeit getan, sie kann gehen – Smartphones und die damit verbundene ständige Erreichbarkeit haben sie überflüssig gemacht. Wir sind Zeugen, Täter und Opfer eines Prozesses, in dem die am Vorbild Uhr ausgerichtete Zeit-Ordnung an Gültigkeit verliert.

Zwar sollen Stechuhren nach dem Willen des EuGHs die Arbeitszeiten erfassen, dennoch eröffnen sich neue, bisher ungeahnte Möglichkeiten des Zeit-Erlebens. Die Zeiten sind vorbei als das Räderwerk der Uhren noch als Vorbild für einen geordneten Arbeitsalltag herhalten musste. Jetzt hören wir stattdessen den Eingang einer Mail, SMS oder Message und lassen uns unter Zeitdruck setzen.

Sehr kenntnisreich, klug und humorvoll gelingt es dem Autor Karlheinz A. Geißler, das Phänomen Uhrzeit zu umreißen und zu problematisieren. In einem Interview mit der FAZ hat er einmal gesagt: „Zeit lässt sich nicht managen“.

Die Uhr kann gehen

Karlheinz A. Geißler

S. Hirzel Verlag

ISBN 978-3-7776-2788-5



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