Die schönste Zeit unseres Lebens – französische Komödie

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Nicolas Bedos zweite Regiearbeit DIE SCHÖNSTE ZEIT UNSERES LEBENS beginnt mit einer Szene, die den Zuschauer verwirrt fragen lässt, ob er im richtigen Film sitzt, oder ob das, was er auf der Leinwand sieht, der Fehlstart eines Films innerhalb eines Films ist. In einem französischen Salon aus dem frühen 19. Jahrhundert sind einige zumeist ältere Menschen in historischen Gewändern versammelt und reden miteinander. Und doch sind es, wie sich schnell herausstellt, moderne Zeitgenossen, die ziemlich tief in die Tasche gegriffen haben, um an diesem teils geistreichen, teils scharfzüngigen Austausch teilzunehmen.  Ein cleveres Tromp-l’œil für einen Film, der dem Betrachter und seiner Hauptfigur immer wieder den Boden unter den Füßen wegreißt. 

Daniel Auteuil als Victor
Copyright 2019 Constantin Film Verleih GmbH

Im Mittelpunkt des Films steht Victor (Daniel Auteuil), ein etwa siebzigjähriger, humorvoller, einst sehr erfolgreicher Cartoonist, der eine gründliche Abneigung gegen die modernen Technologien entwickelt hat, zumal sie für sein berufliches Aus gesorgt haben. Im multimedialen Zeitalter werden keine Karikaturisten mehr gebraucht, jedenfalls nicht solche, die mit den modernen digitalen Werkzeugen nichts anfangen können.

Fanny Ardant als Marianne
Copyright 2019 Constantin Film Verleih GmbH

Seiner Frau, der lebenshungrigen Psychotherapeutin Marianne, ist Victor im Laufe ihrer 40jährigen Ehe zu einem ärgerlichen Langeweiler geworden, von dem sie sich befreit, indem sie ihn kurzerhand auf die Straße setzt. Ein Glück, dass es da Antoine (Guillaume Canet) gibt, einen Freund seines Sohnes, der eine Eventagentur betreibt, die sich in ihren Studios darauf spezialisiert hat, ihre zahlungskräftigen Kunden mit großem Aufwand in eine beliebige historische Ära zu versetzen. Man kann mit Marie Antoinette speisen, ehe sie zum Schafott geführt wird, und gemeinsam im Bunker mit Hitler die letzten Tage des 2. Weltkriegs erleben oder auch als Gast im Hause von Ernest Hemingway schlemmen.

Victor im nachgestellten Café in Lyon

Victors Wünsche sind da ungleich bescheidener. Auf Einladung seines Sohnes möchte er in das Café in Lyon an jenem Tag in den 70er Jahren zurückkehren, wo er Marianne zum ersten Mal traf und sich in sie verliebte.

Mit Hilfe von Victors Zeichnungen aus der damaligen Zeit begibt sich Antoine sogleich daran, detailgenau den szenischen Rahmen für diesen Moment zu erschaffen. Hierzu gehört die minutiöse und genaue Rekonstruktion der Bar, ihrer Gäste und Kellner, deren Rollen von Schauspielern gespielt werden. Mitten drin sitzt Victor, dessen Bart der Schere zum Opfer gefallen und der mit Schlaghosen und offenem Hemd ganz im Stil der Mode der damaligen Zeit gekleidet ist.

Margot (Doria Tillier)

Und dann betritt Margot (Doria Tillier) die Bühne, eine hübsche, junge Schauspielerin, die sich in einer turbulenten Zweierbeziehung mit dem Regisseur Antoine befindet und die Rolle der Marianne spielt. Mit Hilfe von Hintergrundinformationen hat sie sich sorgfältig vorbereitet, um den Augenblick, als sie Victor zum ersten Mal begegnet, glaubwürdig nachzuspielen. 

Die Illusion scheint perfekt. Victor beginnt sich in Margot zu verlieben, möchte am liebsten in die reale Welt außerhalb des Sets gar nicht mehr zurückkehren. Diese Entwicklung veranlasst Margot schließlich, aus ihrer Rolle auszusteigen. Aber in dieser Fantasiewelt ist nichts und niemand so, wie es scheint. Selbst wenn man hinter die Kulissen dieser Welt geht, offenbart sich nicht die Realität, sondern ein weiteres Bühnenbild, das sich wie bei einer China Box öffnet. Die komplexen Schnittmengen der verschiedenen Handlungsstränge, in denen Marianne, Antoine und Margot auf unterschiedlichen Ebenen agieren, sind clever und nahtlos miteinander verwoben, während Antoine und seine Techniker im Kontrollraum sitzen und die Darsteller mittels Ohrhörer manipulative Anweisungen zur Optimierung ihrer Rolle erhalten.  

Nicolas Bedos Film DIE SCHÖNSTE ZEIT UNSERES LEBENS ist charmant, berührt als Drama und Komödie zugleich. Es geht um das Verstreichen der Zeit, die Auseinandersetzung mit dem Altern, die Fragilität und Beständigkeit der Liebe. Doch gleichzeitig wird auch das Kino selbst und seine Fähigkeit thematisiert, Realität und Fiktion auf mehreren Ebenen zu schaffen und gründlich durcheinander zu wirbeln. Schon die beiden altgedienten Schauspieler Daniel Auteuil und Fanny Ardant machen den Film zu einem großen Vergnügen. Besser geht’s nicht.

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