Der Mund im Fokus: Ausstellung in Wolfsburg „In aller Munde“

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Der Mund ist nicht nur eines der am meist beschäftigten Teile des menschlichen Körpers, er ist auch der ausdrucksvollste. Dies kommt auch daher, dass sich die Lippen in vier verschiedenen Arten bewegen können: offen, geschlossen, vorwärts und rückwärts, auf und ab, angespannt und locker. Miteinander kombiniert ergeben sich eine Reihe von oralen Ausdruckmöglichkeiten.

Aber das Äußere wird vom Inneren, der Mundhöhle in gewisser Weise überholt. Er entzieht sich jedoch dem menschlichen Blick. Zunge und Zähne sind zwar manchmal sichtbar, aber die Mundhöhle als äußerst reizvolle Körperzone hat noch mehr zu bieten. So haben sich nicht nur seit jeher Naturwissenschaft und Medizin an der Erkundung der Mundhöhle abgearbeitet, sondern auch die Kunst und Kulturgeschichte – von der Antike bis zur Gegenwart.

Von Pieter Bruegel bis Cindy Sherman, von der Antike bis zur Gegenwart

Diesen breit gefächerten motivgeschichtlichen Pfad verfolgt das Kunstmuseum Wolfsburg erstmals in Deutschland mit der Ausstellung „In aller Munde“, die rund um das Orale kreist.

Hieronymus Bosch (Nachfolger), Christus in der Vorhölle, 1450–1516, Öl auf Eichenholz,
20,2 x 34 cm, Hamburger Kunsthalle, Foto: Hamburger Kunsthalle / bpk, Elke Walford

Die Mundhöhle ist das Tor zum Verborgenen, zum Körperinneren. Schon im Alten Testament fungieren Maul und Mund als feuerspeiender Höllenschlund, als Portal zum Ort der Verdammnis im Inneren der Welt. In der berühmten Versuchung des heiligen Antonius von Pieter Bruegel d. Ä. steigt die Hölle sogar in den Kopf. Bevölkert von allerlei Quälgeistern hat dieser „Höllenkopf“ Schule gemacht.

In Kontakt mit der Mundhöhle des Liebsten kommt man beim Kuss. Pablo Picasso, Le baiser [Der Kuss], 1967, Grafit auf Papier, 50,5 x 65,5 cm, Tate,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Tate

Die Mundhöhle ist ein Ort sinnlicher und erotischer Genüsse, was insbesondere für den Kuss gilt, wie in Wolfgang Tillmans’ bekannter Fotografie The Cock (kiss) zu sehen ist. Noch direkteren Ausdruck und ironische Brechung findet die orale Libido in der berühmten mehrdeutigen Arbeit von Natalia LL oder den erotisch inszenierten Lippen der amerikanischen Künstlerin Marilyn Minter.

Piotr Uklański, Untitled (Open Wide), 2012, Faserreaktivfarbstoff auf oxidiertem Jute- und Hanftextil und Polyesterwatte, 650,2 x 1066,8 cm,
© Piotr Uklański, Courtesy der Künstler, Foto: Mateusz Sadowski

Der Mund und seine Höhle sind ein Transitraum, der den Weg von außen nach innen und von innen nach außen kontrolliert. Mona Hatoum dringt in die Tiefen dieses Raumes vor, in dem Nahrung einverleibt wird, während Geräusche, Sprache und Gesang veräußert werden. Unsichtbar, aber lebenswichtig nimmt der Atem beide Wege und wird erst greifbar, wenn Künstler wie Man Ray oder Anselmo Fox ihn in Seifen- oder Kaugummiblasen einschließen.

Die sehr schöne und interessant Ausstellung ist ab
Sa 31. 10. 2020 zu sehen. Informationen zu weiteren Öffnungszeiten finden BesucherInnen auf der Website des Kunstmuseums Wolfsburg

Kunstmuseum Wolfsburg
Hollerplatz 1
38440 Wolfsburg

Titelbild: Natalia LL, Consumer Art (Still), 16 mm-Film, 16:01 min,
© Natalia LL, Courtesy die Künstlerin und lokal_30, Warschau

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