Der böse Expressionismus

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Sie waren einst skandalträchtige Außenseiter und wollten den Betrachter nicht unterhalten, sondern aus seinem bequemen, ernst-erhabenen Weltbild herausholen. Mit der Ausstellung «Der böse Expressionismus – Trauma und Tabu» ruft die Kunsthalle Bielefeld die antibürgerliche Wucht in Erinnerung, die vielen expressionistischen Kunstwerken inhärent ist.

Heute sind die Expressionisten gesellschaftsfähig, ihre Bilder Millionen wert; als Zeugnisse pittoresker Bohème, farbenfroher Idyllen und Ansichten einer vermeintlich guten alten Zeit werden sie verharmlost und je nach Möglichkeit als dekorative, verlässliche Geldanlagen gesucht. Die Brisanz der Bilder droht im Wohlgefallen zu verschwinden.

Max Pechstein Frauen am Waldrand 1911
Öl auf Leinwand Kunstmuseum Gelsenkirchen
© 2017 Pechstein Hamburg / Tökendorf
Foto: Kunstmuseum Gelsenkirchen

Die Ausstellung «Der böse Expressionismus – Trauma und Tabu» versammelt ca. 200 Werke, darunter hochkarätige Leihgaben aus Privatbesitz, aus der Sammlung der Deutschen Bank, den Staatlichen Museen zu Berlin, dem Kirchner Museum Davos, der Kunsthalle Bremen, dem Brücke-Museum Berlin u.a.

Die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts waren eine Zeit größter Herausforderungen und existenzieller Verunsicherung, geprägt von Industrialisierung und proletarischem Massenelend, Landflucht, ausufernden Großstädten und Wohnungsnot. Die rückständige, an feudalen und militaristischen Idealen orientierte Gesellschaftsordnung des wilhelminischen Kaiserreiches war mit den rasanten Veränderungen heillos überfordert, der Kollaps kam mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914. Der Expressionismus war unter solchen Vorzeichen die Kunstform, mit der sich die Rebellion im Felde der Kultur Bahn brach; nach 1919 gewann er unter den neuen politischen Vorzeichen noch einmal an Vehemenz.

Expressionismus

Ernst Ludwig Kirchner Drei Akte auf schwarzem Sofa (verso)/ Bergwald (recto)
1910 Öl auf Leinwand
Bündener Kunstmuseum Chur, Ankauf mit Beiträgen aus einer Sammlung der Kantonschüler Chur und des Bündener Kunstvereins (1969/70)
Foto: © Bündener Kunstmuseum Chur

Die jungen KünstlerInnen, DichterInnen, SchauspielerInnen und TänzerInnen, selbst Bürgersöhne und -töchter, erlebten Bürgerlichkeit als Trauma und probten den Aufstand gegen rigide Normen und verlogene Konventionen. Tabus wurden gebrochen,  Prüderie und Triebverzicht beendet, um anstelle von Verdrängung und Neurose aus den Kräften des Trieblebens die Kraft für ihre Kunst zu ziehen. Sie lebten, frei nach Nietzsche und ermutigt von Sigmund Freud, die „Umwertung aller Werte“ auf der Suche nach einem selbstbestimmten Dasein in einer Gesellschaft ohne Klassenschranken, zu ihrer Zeit nichts mehr als eine Utopie. Weil die Impulse, die vom Expressionismus ausgingen und die Fragen, die er in schonungsloser Offenheit gestellt hat, bis heute relevant und wichtig sind, will die Ausstellung an die Virulenz und die Intentionen dieser „Zeiterscheinung“ erinnern: Internationalität, Individualität, gesellschaftliches Miteinander und Toleranz stehen auch ein Jahrhundert später, und gerade heute, immer noch auf der Agenda.

Das umfangreiche Begleitprogramm zur Ausstellung bezieht auch den expressionistischen Film, den Tanz und die Literatur in das Thema der Ausstellung mit ein.

Künstlerliste: Max Beckmann, Rudolf Belling, Otto Dix, Conrad Felixmüller, Otto Gleichmann, George Grosz, Erich Heckel, Jacoba van Heemskerck, Walter Jacob, Alexej von Jawlensky, Ernst Ludwig Kirchner, Emmy Klinker, Oskar Kokoschka, Else Lasker-Schüler, Wilhelm Lehmbruck, August Macke, Ludwig Meidner, Paula Modersohn-Becker, Otto Mueller, Emil Nolde, Max Pechstein, Hans Richter, Christian Rohlfs, Karl Schmidt-Rottluff, Jakob Steinhardt, Hermann Stenner, Georg Tappert, William Wauer, Marianne von Werefkin, Gert H. Wollheim
Kuratorin: Jutta Hülsewig-Johnen Kuratorische Assistenz: Henrike Mund

Der böse Expressionismus Trauma
und Tabu

Kunsthalle Bielefeld

bis 11. 03. 2018

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