The Congress – Neuland

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Ein kreatives Manifest gegen Hollywood und menschenfeindliche Konzerne

 

Ein Film wie kein Zweiter. The Congress ist Neuland und ein an Wahnwitz kaum zu überbietendes, vor Kreativität, aber auch Subtilität beinahe Überbordendes Drama über eine Mutter und ihre grenzenlose Liebe zu ihrem  Sohn. Wie dieses Drama in einen Halb-Zeichentrickfilm mit einer grossen Sci-Fi Idee verschmilzt, ist eines der vielen Wunder von The Congress.

Es sind zwei gegensätzliche Pole, die Regisseur Ari Folman (Waltz with Bashir) hier zu vereinen versucht: Zum einen, das oben besagte Drama um Würde im Leben sowie das Festhalten an der „Realität“, auf der einen Seite und die abstrakte, wahnwitzige neue Scheinwelt von Miramount (Miramax & Paramount) auf der anderen.

Robin Wright spielt sich selbst. Sie ist eine „alternde“ Schauspielerin, die sich nach der Geburt ihrer Kinder jegliche Schauspiel-Rollen durch ihr unberechenbares Wesen kaputtgemacht hat. Sie lebt in einem umgebauten Hangar am Flughafen und ihr Sohn, der langsam sein Gehör und seine Sehkraft verliert, lebt in seiner eigenen Welt aus Flugzeugen, Flugpionieren und Flugdrachen. Ihn liebt sie über alles. Sie hat für ihn ihre einst grosse Karriere geopfert.

Die Filmindustrie steht vor der grössten Revolution, seit die Bilder laufen lernten. Die Schauspieler, die Kameraleute, die Gaffer und die Filmagenten, wird es bald nicht mehr geben. Den Schauspielern wird ein letzter Vertrag angeboten. Einer, der sie über ihr Leben hinaus binden wird, aber auch von ihrem einstigen Beruf entbinden. Sie werden NIE wieder als Schauspieler arbeiten können. Alle ihre Emotionen werden gescannt und es wird nur noch eine digitale Robin Wright geben.

Robin wehrt sich vehement, aber sie weiß, dass dies ihre einzige Chance ist zu überleben.

Während des Scans, als sie nah dran ist wegzulaufen, weil ihr diese Idee so zuwider ist, sollte ihr Manager „Al“ (Harvey Keitel, grossartig wie immer) sein Innerstes nach Aussen kehren und ihr seine tiefsten Geheimnisse verraten, weil er möchte, dass diese grosse Schauspielerin um jeden Preis weiterlebt. Sie ist so schockiert, gerührt, fasziniert, glücklich und tieftraurig im Verlaufe dieser Geschichte, dass ihre ehrlichsten Gefühle erfasst werden konnten. Es ist dieser zentrale  Monolog, wo Ari Folman zeigt, dass der Film, neben den vielen Ideen, auch ein grosses Herz hat. Diese Menschlichkeit ist der Kern des ersten Filmdrittels. Er ist essentiell, um den Verlust dieser „Realität“ noch bedrohlicher zu machen.

 Dann kommt ein ganz neuer Film hinzu

20 Jahre später fährt Robin, mittlerweile Mitte 60, zum titelgebenden Kongress. Sie ist Ehrengast von Miramount, dem grossen, revolutionären Konzern, der die nächste Revolution verkünden möchte. Jeff Green, mittlerweile vom Studioboss zum grössenwahnsinnigen Tyrannen und Symbol einer überbordenden Profitgier auf Kosten des „Mensch“-Seins mutiert. Robin Wright ist die grösste lebende „Schauspielerin“ und die „Figur“ der Actionheldin „Robin“, die neue Ikone der Filmindustrie. Um auf das Gelände zu gelangen, bekommt sie eine kleine Ampulle am Strassenposten, welche sie mittels eines Halluzogens in eine Comicfigur verwandeln wird, denn „Menschen“ sind dort nicht mehr zugelassen. Klingt abgefahren? Ist es auch.

Was dort geschieht, ist so weit weg von einem normalen Filmstoff wie z.B. „Synecdoche, New York“ oder „Eternal Sunshine of the spotless mind“. Folman bewegt sich virtuos auf dem Gebiet des Drehbuchschreibers und Regisseurs Charlie Kaufmann, aber mit den Mitteln der Animationskunst. Wie Kaufmann, hadert jedoch auch Folman in der Mitte des Films, weil zu viele Ideen, welche teilweise die Gewohnheiten eines Filmguckers so auf die Probe stellen, überfordernd wirken und die relativ kleine, schöne Geschichte dieser Frau beinahe zu erdrücken droht.

Die visuellen Einfälle und die emotionale Bindung, welche Robin mit dem Animateur ihrer Figur aufbaut, auf welchen sie nach den Kriegsähnlichen Tumulten auf dem Kongress trifft, retten den Film über diese schwierige, chaotische Phase hinweg.

Aber egal, wie abgefahren gewisse Situationen und Wendungen wirken, der Film behält sein Herz am richtigen Fleck, strauchelt nur ein wenig, um sich dann wieder in voller Pracht zu präsentieren.

Innovationen gibt es wenige im Filmbusiness. Das machen einem Romantische Komödien, Sci-Fi Action Filme und Cop-Thriller immer wieder von neuem klar. The Congress ist eine Perle, ein Film der drei Filme auf einmal ist, der Familiendrama, Science Fiction und Animationsfilm virtuos vereint, der neue Wege beschreitet, der fantasievoll gewichtige Fragen stellt und eine dunkle Zukunft aufzeigt, aus welcher wir nur noch mit unserer eigenen Welt, im eigenen Kopf fliehen können.

Paul Giamatti, dies als Randnotiz, spielt den Doktor, welcher Robin’s Sohn betreut. Giamatti selbst spielte vor ein paar Jahren im Film „Cold Souls“ sich selbst, den Schauspieler, der unter der Last seiner Seele beinahe zusammenbricht und einer neuartigen Storage-Firma seine Seele vermietet, damit ihn die Rolle des tragischen „Onkel Vanya“ nicht umbringt. Auch „Cold Souls“ war innovative Sci-Fi, verpackt in der Realität. Solche Filme sind, so absurd manchmal die Situation anmutet, von seltener Güte.

 

Wie ersetzbar sind wir alle? Wir kleinen Ameisen, wann werden wir selbst überflüssig sein?

Regie: Ari Folman – 2013

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