COLIN STETSON : ALL THIS I DO FOR GLORY

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Vor ein paar Jahre machte im Internet ein Video die Runde, in dem eine wackelige Handkamera unruhig durch ein Haus irrlichterte, unterlegt von einem überirdisch tiefen, dröhnenden, perkussiven Sound, der sich nur schwer einem bestimmten Instrument oder Lebewesen zuordnen ließ. Schließlich erreichte die Kamera ein Zimmer, in dem ein muskulöser Hipster saß, der frenetisch ein Basssaxophon bearbeitete, wobei er wie ein Besessener hin und her schaukelte:  als Promo-Video für die Musik des kanadischen Jazzers Colin Stetson gar nicht einmal übel.

Genreübergreifender Sound

Über Jazz kann man natürlich trefflich streiten. Über Colin Stetson nicht. Der Mann ist eine Klasse für sich. Ob man Jazz mag oder nicht, Stetson muss man einfach zuhören. Dabei ist es durchaus umstritten, ob man seine Arbeiten überhaupt noch als Jazz zählen kann. Das mannshohe, schwere Saxofon, das er mit sich herumschleppt, scheint seine einzige Verbindung zu dem Genre zu sein. Die Musik, die er damit macht, weist so viele Ähnlichkeiten mit Postrock, Metal, Hip-Hop und anderen Stilen auf, dass er in keine Schublade passt.

COLIN STETSON neues Album live ohne Overdubs und Loops eingespielt

Vor gut einem Jahr brachte Stetson seine Neuinterpretation der Symphonie Nr. 3 von Henryk Górecki heraus. Ein gewaltiges Werk, das seine Inspiration aus einem beliebten Klassikstück schöpfte und bei dem er mit einer Vielzahl verschiedener Musiker zusammenarbeitete. Sein am 28. April 2017 erschienenes neues Album ALL THIS I DO FOR GLORY ist ein nicht minder beeindruckendes Projekt, das der Kanadier praktisch im Alleingang stemmte. Neben dem Einspielen der sechs Stücke zeichnete Stetson diesmal auch für die Technik und das Abmischen der Tracks verantwortlich. Bei ALL THIS I DO FOR GLORY beschränkt Stetson seine musikalische Palette diesmal auf das Saxofon. Doch das spielt Stetson mit gewohnt meisterlichem Können. Ein Saxofon ist ein Musikinstrument aus Messing, um Töne zu spielen. Wer sagt, wie die erzeugt werden müssen? Stetson nutzt es auf jede erdenkliche Weise, um, weiß der Kuckuck wie, perkussive, melodische, vokale, tief schlürfende oder ätzend schleifende Klangbilder aus ihm herauszulocken. Dazu begleitet er die Songs mit einem archaisch anmutenden Schamanengesang. Der Mann ist ein ganzes Orchester.

Alle Songs von ALL THIS I DO FOR GLORY wurden praktisch live im Studio eingespielt, wobei Stetson auf Overdubbing und Loops gänzlich verzichtete, auch wenn es gelegentlich anders klingt. Geschickt an seinem riesigen Instrument platzierte Mikrofone sorgen dafür, dass selbst kleinste, am Resonanzkörper des Saxofons erzeugte Geräusche mit aufgenommen werden und die gewünschten Klangfarben und Texturen erzeugen. So entstanden sechs höchst eigenwillige Kompositionen, die von einer tiefen Dunkelheit durchdrungen sind.

Hypnotische verstörende Songs

Der titelgebende Opener schlägt gleich die Pflöcke ein für die insgesamt sechs Songs, die ihre Themen mit atemberaubendem Tempo entwickeln. Mit seinem tiefen Groove und vokalem Gesang nimmt „All this I do for Glory“ den Hörer sofort fest in den Griff. Was wie eine seltsam verwuselte hypnotische Schleife beginnt, verdichtet sich zu einem höchst verstörenden, pulsierenden Klanggebilde. Stetson gelingt hier mehr denn je eine spannende Synthese zwischen seinen verblüffenden technischen Fertigkeiten und einer instinktiven archaisch tönenden Musik, deren Faszination man sich nur schwer entziehen kann, obwohl sie irgendwie zu tiefst beunruhigt.

Das Stück „Wolves on the Fold“ beginnt mit einem hektischen, zwischen den Lautsprechern hin und her pendelnden Lick, der sich zu einer aszendierenden, von heulendem Gesang begleiteten bedrohlichen Melodielinie aufbaut, um schließlich in einer wüsten Kakofonie von Tönen zu ersterben. Zum Titel passend klingt dazu Stetsons perkussives Bedienen der Saxofonklappen wie ein ganzes Wolfsrudel, das schon unruhig mit den Krallen scharrt.

Beim Song „Between Water and Wind“, den eine hektische ping-pong-artige Perkussivität durchzieht, spürt man die tiefschwarzen Bassnoten physisch. Stetsons Saxofon rasselt dabei gefährlich, gerade so, als ob das riesige Messinginstrument in seinen Händen verrostet sei und jeden Augenblick auseinanderzubrechen droht. Stetsons virtuose, aber maßvolle Mischung aus Zirkularatmung und bestimmten Griff- und Blastechniken ist schon gekonnt. Bei diesem Stück kommt indessen hinzu, dass sich das hektische Ein- und Ausatmen, das in das Arrangement eingebaut wird, zu einer wahren klanglichen Paranoia der Klänge aufbaut. Der Titel „Spindrift“ beginnt demgegenüber als eine wohlige Melange aus Bläserarpeggien und Gregorianischem Chorgesang, bevor er in die pumpende Rhythmik eines 4-to-the-Floor Discosongs übergeht.

Der kürzeste Titel des Albums, „In the Clinches“, nimmt den Hörer mit seinen nervös anschwellenden, von harten rhythmischen Schlägen   begleiteten Tonfolgen förmlich in den Schwitzkasten.

Das Album schließt mit dem epischen 13-minütige Titel „The Lure of the Mine“, einer wilden, expressiven Achterbahnfahrt aus nervös flatternden Skalenbewegungen und wehklagenden Falsettstimmen. Selbst intime Kenner der experimentellen Arbeiten von Stetson dürfte dieses Stück umhauen.

Bilanz eines Ausnahmemusikers

Stetsons Album ALL THIS I DO FOR GLORY ist, anders als sein Titel vermuten lässt, keine narzisstische Übung eines Freaks, sondern das sensible, spannende und innovative Werk eines Ausnahmemusikers.  Stetson zieht hier eine konzentrierte Bilanz seines bisherigen Schaffens und dürfte damit seine Stellung als eine der überragenden musikalischen kreativen Kräfte unseres Jahrhunderts festigen.

ALL THIS I DO FOR GLORY ist, so heißt es in einer Presseerklärung, lediglich die erste Hälfte einer verhängnisvollen Liebesgeschichte in der Art einer griechischen Tragödie. Trotz dieser düsteren Perspektive ist das Album ein kostbares Juwel. Also her mit Teil zwei.

Cover Colin StetsonColin Stetson „All this I do for glory“ (52Hz/ Kartel/ Indigo)

28.04.2017

www.colinstetson.com 

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