CANDICE BREITZ: SEX WORK im Dialog mit WILLIAM N. COPLEY

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Die #MeToo-Bewegung zielt darauf ab, geschlechtsspezifisch motivierte Gewalt zu analysieren und sichtbar zu machen. Dabei hat sie wichtige und auch umstrittenste Debatten ausgelöst. In der Offenlegung der Dynamiken von Gender und Macht, die die Beziehungen am Arbeitsplatz (und in der restlichen Welt) bestimmen, hat die Bewegung allerdings überproportional viel Aufmerksamkeit auf solche Vorfälle des Missbrauchs und der sexuellen Belästigung gerichtet, die von privilegierten Individuen und/oder Personen mit großer Medienpräsenz zur Sprache gebracht wurden. Die in Candice Breitz: Sex Work gezeigten Videoarbeiten sind bereits vor dem Höhepunkt der #MeToo Bewegung im Oktober 2017 entstanden. Dennoch spiegeln sie eindringlich die Debatte wider.

Candice Breitz thematisiert die geschlechtsspezifisch motivierte Gewalt mit der Sexarbeiter*innen bei ihrer Arbeit und in ihrem Leben konfrontiert sind und setzt damit den Fokus zentraler Fragen der Bewegung neu.

Die Ausstellung spannt einen Bogen von den Arbeiten des US-amerikanischen Künstlers William N. Copley (1919-1996), einer bedeutenden Außenseiterfigur der Kunst des 20. Jahrhunderts, zu den Arbeiten der südafrikanischen, in Berlin lebenden Künstlerin Candice Breitz (geb. 1972), einer der führenden Stimmen der Gegenwartskunst. In den Arbeiten der Ausstellung fechten beide Künstler*innen vehement die Stigmatisierung von Sexarbeit an, wenn auch aus radikal unterschiedlichen Perspektiven.

Der Autodidakt und Vorläufer der Pop Art William N. Copley, dessen Praxis die Banalität der Konsumkultur reflektiert und vom Surrealismus inspiriert ist, fühlte sich zu Frauen – und besonders Sexarbeiter*innen – bis zur Besessenheit hingezogen. Das Thema der Verführung zieht sich als zentrales Motiv durch sein Werk, doch beschwört er auch wiederholt einen ‘Kampf der Geschlechter’ herauf, insbesondere in seinem berühmten Gemälde West (1974). Copley, der sechs Mal verheiratet war, war Kommunist, Pazifist und Anhänger eines sexuellen Hedonismus, den er vom Stigma der Pornografie befreien wollte. Im Laufe seines Lebens fertigte er unzählige Zeichnungen und Gemälde an, die gesichtslose, karikatureske Protagonist*innen bei erotischen Handlungen darstellen.

Candice Breitz, TLDR, 2017, 13-Channel Installation. Featured here: Jenny, Zoe Black, . Commissioned by the B3 Biennial of the Moving Image, Frankfurt. Courtesy KOW, Berlin. Photo: Sydelle Willow Smith

1966 widmete Copley dem Thema eine ganze Ausstellung: Projects for Monuments to the Unknown Whore. Sein Tomb of the Unknown Whore, das 1986 im New Yorker New Museum ausgestellt wurde, setzte ironisch den Sexarbeiter*innen (anstelle gefallener Soldaten) ein Denkmal und versah es mit der Aufforderung “Make Love, Not War”. Doch wenngleich sich Copley gegen eine Herabwürdigung von Prostitution wandte, werden seine weiblichen Subjekte den Betrachter*innen vor allem als Lustobjekte präsentiert, was eine lange kunsthistorische Tradition fortführt. Von Manets Olympia (1863) über Toulouse-Lautrecs Tänzerinnen und Bardamen bis hin zu Pablo Picassos Les Demoiselles d’Avignon (1907) dienten Prostituierte und Kurtisanen historisch meist als Modelle und Musen, die ihre Reize passiv (und oft nackt) dem fast exklusiv männlichen Blick des Künstlers zur Verfügung stellten.

In Candice Breitz’ Videoinstallationen TLDR (2017) und Sweat (2018) erheben Sexarbeiter*innen dagegen laut ihre Stimme. Beide Arbeiten entstanden aus einer Interviewserie und einem Intensiv-Workshop mit den Mitwirkenden, die im Video gezeigt werden, und setzen einen fortlaufenden Dialog zwischen Breitz und SWEAT (“The Sex Workers Education & Advocacy Taskforce”) fort, der Non-Profit-Organisation, der die gezeigten Sexarbeiter*innen angehören.

Im Rahmen dieser Ausstellung findet auch ein Symposium statt:
WE ARE NOT YOUR DEMOISELLES
26 SEPTEMBER 2018
LOCATION:
KW Institute for Contemporary Art
Studio, front building, 1st floor
KUNST-WERKE BERLIN e. V., Auguststraße 69, 10117 Berlin

CANDICE BREITZ: SEX WORK im Dialog mit WILLIAM N. COPLEY
21. September 2018 – 5. Januar 2019

Das Museum Frieder Burda I Salon Berlin

Das Museum Frieder Burda I Salon Berlin
Im Herbst 2016 hat das Museum Frieder Burda im Zuge des Generationswechsels bei der Privatsammlung und unter kuratorischer Leitung von Patricia Kamp, den „Salon Berlin“ in einem der vitalsten Kunstviertel der Hauptstadt eröffnet. In wechselnden Ausstellungen werden hier einzelne, herausragende Positionen der Sammlung Frieder Burda in ein dynamisches Spannungsfeld mit aktueller Gegenwartskunst gebracht.

Titelbild: Candice Breitz, Still from Sweat, 2018, single-channel video, colour, sound, loop, duration: 24 minutes, 56 seconds. Featured here: Nosipho Vidima. Courtesy: KOW, Berlin