Massum Faryar – Buskaschi oder der Teppich meiner Mutter

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Erinnerungen sind unbezahlbar und geben wie in einem Teppich eingewirkt dem Leben Struktur und farbige Muster. Wenn, wie in dem Roman „ Buskaschi oder der Teppich meiner Mutter„, 90 Jahre Leben damit abgedeckt werden, beginnt im wahrsten Sinne eine traumhafte Reise, erzählt von dem Schriftsteller Massum Faryar. Sie führt in eine Zeit, die es so nicht mehr gibt, und in ein Land, das sich ebenfalls verändert hat. Doch es sind nicht nur die üblichen Zeichen der Vergänglichkeit, die das einst fruchtbare und friedliche Land Afghanistan verändert haben, sondern heftige politische Machtkämpfe, die schon lange das Land zermürben.

Buzkashi ist zugleich der Name des afghanischen Nationalsports, bei dem eine große Gruppe von Männern auf Pferden um einen Ziegenkadaver kämpfen, der in einen Kreis geworfen werden muss. Nur der beste und härteste Reiter kann den ansonsten regellosen Kampf gewinnen. Vielleicht eine Metapher für die Machtkämpfe, die Afghanistan erfahren musste und jetzt mit den Taliban weitergehen.
Der schon erwähnte Teppich ist mit diesen Buzkashi-Reitern geschmückt und der Wettkampf spielt im Roman eine wesentliche Rolle.

Doch zunächst führt uns das Familienepos Jahrzehnte zurück in eine paradiesische Kindheit, die der Protagonist Schaer erlebt. Die Zeit, gemeinsam mit der Mutter ins Frauenbad zu gehen, ist vorbei, als er zum ersten Mal bewusst die Schönheit der Nachbarsfrau wahrnimmt. Seine Augen sind von nun an nicht mehr die eines unschuldigen Kindes, sondern eines Halbwüchsigen, der an der Schwelle zum jungen Mann steht. Nun muss er mit seinem Vater ins Männerbad. Doch der Vater versüßt seinem Sohn den herben Verlust damit, dass er ihm  jedes Mal nach dem Männerbad eine Geschichte aus seinem Leben erzählen will. Nun beginnt eine sehr innige Beziehung zwischen Vater und Sohn.
Was der Vater zu erzählen hat, ist nicht weniger als seine Entwicklung vom einfachen Bauernsohn zum geachtetsten Mitglied der afghanischen Stadt Herat. Ein Händler, der das Toilettenpapier, das chinesische Fahrrad und vieles mehr nach Herat gebracht hat; ein Mann, der die Frau, in die er unsterblich verliebt war, heiraten konnte, der er einen Lustgarten schenkte und ein schlossähnliches Heim schuf. Seinen guten Ruf verdankt der Vater aber insbesondere seiner Lebensweisheit, Güte und Großherzigkeit sowie seiner Tätigkeit als Imam.

Die politischen Entwicklungen und Verirrungen in einem von Machtkämpfen gebeutelten Land, das auch zum Ausgangspunkt des Islamismus wird, kosten das Leben vieler Freunde und Verwandten und verändern drastisch das gewohnte Leben der Familie – sie stellen in diesem Roman den wahren und erschütternden Kern dar.

Eine wunderbare und berührende, bilderreich und mit großer poetischer Kraft erzählte Familiengeschichte, die uns die Kultur und Lebensweise der Menschen in Afghanistan nahe bringt und falsche Vorstellungen und Vorurteile aus dem Weg räumt. Literatur im besten Sinne – unbedingt empfehlenswert!

Buskaschi oder der Teppich meiner Mutter
Autor: Massum Faryar

ISBN: 978-3-462-04674-8
Erschienen am: 11.05.2015
656 Seiten, gebunden
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Massum Faryar, gebürtiger Afghane, kam in den 80er-Jahren nach Deutschland. Er studierte in München Germanistik und Politikwissenschaft und promovierte in diesen Fächern an der Freien Universität Berlin. Für seine Arbeit an »Buskaschi« erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium. »Buskaschi oder Der Teppich meiner Mutter« ist sein erster Roman

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