Interview mit Bestsellerautor Arnon Grünberg

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Wir trafen Arnon Grünberg, den niederländischen Autor vieler Bestseller auf der Frankfurter Buchmesse, um mit ihm über sein Buch „Der Mann, der nie krank war“ zu sprechen.

Hallo Herr Grünberg, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview nehmen.

Ja, gerne.

In Ihrem Roman „Mit Haut und Haaren“ haben Sie über die Beziehungslosigkeit und emotionale Verwahrlosung in unseren Wohlstandsgesellschaften und die Ökonomie der Beziehungen geschrieben. In Ihrem neuen Roman begegnet uns der junge Architekt Sam, der zwar auch einige Defizite hat, aber mit seiner behinderten Schwester sehr gut kommuniziert. Gibt es nur in Ausnahmefällen solche guten Beziehungen und Verständnisebenen?

Ich glaube schon, dass gerade, weil es zwischen beiden fast keine Sprache gibt – nur die körperliche Sprache und das Bedürfnis der Schwester gepflegt zu werden, die Beziehung und Kommunikation zwischen beiden funktioniert. Ein Teil seiner Identität ist ja auch auf diesem Konzept gewachsen, dass seine Schwester krank und er gesund ist. Deshalb auch der Titel. Und an irgendeiner Stelle sagt er, dass Wörter Emotionen töten. Sam ist jemand, der die Sprache nicht vernachlässigt, aber irgendwie fällt es ihm schwer, sich in der wirklichen Sprache auszudrücken.

Es ist interessant, dass sie als Autor, der, wie wir alle wissen, sehr gut mit Sprache umgehen kann, genau das thematisiert.

Ja, ich bin Schriftsteller. Aber gleichzeitig weiß ich auch, dass Sprache instrumentalisiert. Sprache ist ein Werkzeug. Das hat auch Nachteile. Man entwickelt ja ein, ich will nicht sagen fremdes Verhältnis zur Sprache, aber irgendwie ist die Sprache ein Instrument. Und Emotionen auch. Alles kann instrumentalisiert, benutzt werden. Sogar wenn einem etwas Schreckliches zustößt, etwas Unangenehmes. Trotzdem denkt man, ich kann das auch benutzen, um sich mitzuteilen.

Die Figur des Sam wirkt auf mich etwas eindimensional und äußerst naiv. Als ich den Roman las, hatte ich das Gefühl, dem muss man jetzt mal die Meinung sagen und ihm das Vorhaben ausreden, in den Irak zu fahren, um im krisengeschüttelten Bagdad eine Oper zu bauen. Merkt er nicht, in welche Gefahr er sich da begibt? Ist Sam so naiv, dass er wie in einem Elfenbeinturm, nicht sieht, was um ihn herum passiert und er immer nur eine Arbeit im Kopf hat? Die Kollegen haben dies als eine Satire empfunden. Für mich hat das eher etwas Tragik-Komisches. .

Das finde ich auch. Das ist keine Satire. Es ist etwas sehr Wirkliches. Und er glaubt nicht zu Unrecht, dass es eine gute Idee ist, eine Oper zu bauen. Im Roman wird zwar keine Zeit genannt, aber meiner Meinung nach spielt die Handlung im Irak 2009/2010. Damals dachten auch viele, dass es besser werden würde. Die US-Armee war ja fast abgezogen. Und man hatte das Gefühl, vielleicht bessert es sich. Da gab es diese Idee des Wiederaufbau des Landes usw. Also, ich kann das schon nachvollziehen, dass einer sagt: „Da gehe ich hin. Da baue ich etwas auf.“ Das ist ja für einen jungen Architekten vielleicht nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance, um wirklich zu beweisen, dass er es kann. Also für mich ist er nicht eindimensional, sondern die Arbeit ist für ihn einfach wichtig. Ein sehr wichtiger Teil seiner Identität; ein sehr wichtiger Teil seiner Person. Und auch eine Flucht. Durch die Arbeit, durch die Akzentsetzung auf die Arbeit gelingt es ihm, gewisse allzu große Emotionen, allzu viel Instabilität einfach zu verneinen.
Es ist schon absurd, wie sich die Situation für Sam entwickelt, und ich fand es entsetzlich, dass schließlich sein Freund und Kollege zuletzt ja auch glaubt, Sam sei ein Spion. Scheint da auch wieder eine pessimistische Sicht durch, dass selbst enge Freunde nichts übereinander wissen oder schlimmer noch, sich nicht vertrauen?

In einer Gesellschaft wie Irak, in einer Kriegsgesellschaft, in einem Krisengebiet fängt es mit Misstrauen an. Keine Gesellschaft kann ohne Vertrauen bestehen. Ein Problem in einem solchen Krisengebiet ist, dass das Vertrauen fast vollkommen zerstört ist. Aber im Roman gibt es auch einen Unterschiede zwischen der ersten Reise, die Sam nach Bagdad unternimmt, und der zweiten Reise, die ihn nach Dubai führt. Bei dieser zweiten Reise ist es für mich als Autor auch nicht so ganz klar, wie unschuldig er ist. Ich bin da im Zweifel. Es besteht die Möglichkeit, dass er hier tatsächlich ein Doppelleben führt. Ich halte das nicht für völlig unmöglich. Aber im Ernst, es stimmt, es ist wirklich schwierig, den anderen zu kennen. Es gibt immer etwas, was man nicht kennt. Vielleicht sollte man sich das auch bewusst machen, dass es eine Illusion ist zu glauben, dass die engsten Familienmitglieder keine Geheimnisse voreinander haben.

Vielleicht ist das ja auch sogar sehr gut, wenn man die hat?

Ich glaube, man braucht Geheimnisse. Nicht weil man unbedingt etwas tut, was man nicht tun mag, nicht tun soll. Sondern weil man nicht mit einer Person alles teilen kann. Man kann nicht immer und überall dieselbe Person sein. Ich glaube, wir brauchen Geheimnisse.

Sam ist ja Schweizer und auch in Ihrem Buch „Der jüdische Messias“ ist der Protagonist aus der Schweiz. Hat das eine besondere Bedeutung?

Ich bin schon fasziniert von der Schweiz. Ich finde, das ist ein faszinierendes Land. „Der jüdische Messias“ hat das eine ganz andere Bedeutung für mich als in diesem Roman. In diesem Roman war es wirklich ganz wichtig für mich, dass die Schweiz ein Symbol ist für Neutralität, für Wohlstand, für Sicherheit, für ein gutes und angenehmes Leben. Und was Sam denkt ist, dass es überall irgendwie ist wie in der Schweiz. Und er kann sich nicht vorstellen, dass es ganz andere Kulturen und Probleme ganz andere Gebiete gibt. Und das ist eine Naivität, die sehe ich öfter. Das ist gar nicht so untypisch. Ich glaube, dass es viele in meiner Generation oder in der jüngeren Generation gibt, die sich auch nicht vorstellen können, dass es noch mal Krieg gibt in Europa. Das kann man auch Naivität nennen.

Die Gegensätze zwischen der Schweiz und dem Nahen Osten sind ja sehr groß und dennoch glauben wir, wir wüssten dank Internet und Globalisierung alles voneinander.

Ja, wir können alles erfahren. Aber ich glaube andererseits können wir uns nicht vorstellen, dass es auch uns betrifft. Wir wissen es, aber es betrifft niemals uns. Es geht immer um die anderen. Und das wird ja auch wirklich gesagt im Roman, also dass sich die Iraker töten, das sind wir schon gewohnt. Und villeicht sind das auch die Iraker gewohnt, Aber wir – ich bin ein Schweizer und einem Schweizer wird schon nichts passieren.

Und das war ein Trugschluss. Und wie damit umgegangen wurde. Das wirkt ja so in dem Roman, dass es da eine Institution gibt, die wir anrufen können, aber es geschieht ja eigentlich nichts.

Aber das wusste ich ja nicht, als ich das Buch schrieb. Diese Sache mit ISIS und diese Entführungen und Enthauptungen. Da sehen wir ja auch, es geschieht nicht viel. Und die Bombardierungen? Ob die helfen, das ist ja auch noch die Frage. Leider wissen wir, es gibt Länder, die zahlen Lösegeld und es gibt solche, die zahlen nicht, und die wissen, dass Geiseln entführt und getötet werden. So wie Sam. Und der wird ja nicht von einer Miliz entführt, sondern er landet in einem staatlichen Gefängnis und man tut nichts für ihn.

Ich fand das erschütternd und irgendwie hat es mich an an Sartres „Die Mauer“ erinnert…

„Le Mur“, ja. Das finde ich schön, dass Sie Sartre erwähnen. Gestern hat ein Kollege den „Homo faber“ von Max Frisch erwähnt, da geht es ja auch um einen Architekten. Ich selbst habe gedacht an „L’Etranger“, „Der Fremde“ von Camus, weil es um das Fremdsein geht, nicht in einem Land, das man nicht ganz versteht, sondern um die Fremdheit einem selbst gegenüber. Die Fremdheit des eigenen Körpers. Und insofern geht es in dem Roman auch um das posttraumatische Syndrom. Er erlitt etwas, hat etwas Schlimmes in Bagdad erlebt. Er geht dann zurück nach Zürich und bemerkt, das er da nicht mehr zu Hause ist, da er einfach keinen Platz und keine Ruhe mehr findet.

Ich fand auch bemerkenswert diese homöopathische Dosierung des Terrors, den Sam von seiner Freundin verlangt, diese Urin-Geschichte.

Ich finde das schön, dass Sie das „homöopathisch“ nennen. Das ist Homöopathie, das ist Selbstmedizin, das ist ein Versuch, mit den seelischen Verletzungen klar zu kommen.

Sie schreiben ein Buch pro Jahr, habe ich gelesen…

Ja, das habe ich früher einmal gemacht. Jetzt schreibe ich auch viele Kolumnen. Ich habe eine tägliche Kolumne für eine holländische Zeitung, „De Volkskrant“. Ich schreibe wöchentlich zwei bis drei Kolumnen und schreibe so alle zwei Jahre ein Buch. Ich habe jetzt gerade wieder ein Buch fertiggeschrieben.

Und ist das auch hier bei uns erschienen?

Es wird bestimmt auch in Deutschland erscheinen. Da liegen immer so zwei Jahre dazwischen.

Wenn sie nicht gerade für ein Buch recherchieren oder daran schreiben, verraten Sie uns, was sie dann gerne machen? Sie leben in New York, gibt es da bevorzugte Orte, an denen Sie sich gerne aufhalten? Oder ist diese Frage zu privat?

Nein,nein. Also ich lebe ja in New York, ich reise viel. Ich bin zum Beispiel so viel wie möglich bei meiner Mutter. Die ist 87. Ich gehe gerne ins Kino. Aber ich muss schon sagen, weil ich so viel schreibe, steht viel von meinem Leiben im Dienst meiner Arbeit. Auch wenn ich Ferien mache, arbeite ich jeden Tag.

Wollten Sie immer schon schreiben oder gab es da mal andere Pläne?

Nein. Eigentlich wollte ich Schauspieler werden. Da war ich sechzehn, und das ist dann nicht gelungen. Dann habe ich in einem Büro angefangen. Dann habe ich einen eigenen Verlag gegründet, der dann pleite gegangen ist. Aber über diesen Verlag bin ich dann zum Schreiben gekommen.

e-books und e-reader die virtuelle Welt und das Internet hat ja längst auch die Buchwelt erobert. Der Vater der „Virtual Reality“ Jaron Lanier und Friedenspreisträger des Buchhandels befürchtet, dass wir die kreative Seite der künstlichen Intelligenz zugunsten von Datensammlung, Macht- und Geldanhäufung verloren hätten. Am meisten profitiere Amazon als größter Buchhändler weltweit von dieser Entwicklung. Wie sehen Sie das als Autor?

Buchhandel ist notwendig. Man kann auch gewisse technische Entwicklungen nicht aufhalten. Vielleicht sollte man hier keine zu großen Ängste haben. Aber andererseits ist zuviel Macht in einem Unternehmen, in einem Staat, das ist immer gefährlich. Man muss allerdings auch sehen, dass die Entwicklung von e-books in Europa doch zurückbleibt im Vergleich zu den e-books in Amerika. Also ich war letztens für dieses Buch zwei Wochen in Frankreich. Da werden also kaum e-books gelesen. Man muss also einmal abwarten, wie sich das entwickelt. Vielleicht wird es ja doch weniger groß als man denkt. Ich denke eher, dass wir Zeitungen immer mehr auf tablets lesen werden. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass das gedruckte Buch länger überleben wird als wir denken. Vielleicht auch als ein Objekt, das immer schöner werden muss. Vielleicht wird es nicht mehr dieses Massenindustrieprodukt sein, sondern als etwas ganz Kunstvolles, Geschmackvolles. Also da fürchte ich mich nicht so. Und Amazon, also ein Monopol ist nie gut, aber es gibt auch immer wieder Gegenbewegungen und ein Konsument hat viel Macht. Er braucht ja nicht bei Amazon zu kaufen. Und wenn viele Leute das nicht tun, dann wird Amazon seine Politik schon ändern. So ist das einfach.

Lanier sagt ja, dass der Konsument kaum etwas bezahlen muss für die Angebote im Internet. Bedroht dies die materiellen Grundlagen des Schriftstellerberufs?

Also, das stimmt zunächst einmal. Wenn ein Verlag ein e-book verkauft, ist das viel billiger für Konsumenten als bei einem richtigen Buch. Aber das gehört eben auch zum unserem Beruf. Ich habe nicht die Sicherheit, dass ich 2000 bis 3000 Euro im Monat bekomme. Man hat diese Honorare und das geht auf und ab. Und man muss sich auch die Sicherheit abgewöhnen. Nach sieben guten Jahren kommen eben auch einmal sieben schlechte Jahre. Doch das ist kein Grund für allzuviel Panik. Man muss eben auch mit schlechten Nachrichten umgehen können. Das gehört zum Leben.

Herr Grünberg, vielen Dank für das Gespräch!

 

 

zum Buch – Der Mann, der nie krank war

Die Universität Amsterdam zeigt seit dem 31. Oktober 2014 bis zum 1. Februar 2015 eine Retrospektive des Autors Arnon Grünberg. Die Ausstellung – Ich will doch nur, dass ihr mich liebt– beleuchtet das Leben des Schriftsteller, sein Werk und wird vom Autor selbst kommentiert.

 

Lesung: Arnon Grünberg

24.11.2014 | 20:00 Uhr

Ort: Gerhard-Marcks-Haus
Am Wall 208 · 28195 Bremen
Veranstalter: Globale e.V.

25.11.2014 | 14:00 Uhr
Ort: Universität Oldenburg

26.11.2014 | 20:00 Uhr
Ort: Literaturbüro Lüneburg
Am Ochsenmarkt 1 · 21335 Lüneburg
Veranstalter:Literaturbüro Lüneburg

27.11.2014 | 20:00 Uhr
Ort: Jüdischer Salon am Grindel e.V.
Grindelhof 59 · 20146 Hamburg
Veranstalter: Jüdischer Salon am Grindel e.V.

 

Foto:© Pascalle Bonnier.

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