Arcade Fire: Everything Now

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Um es mit einem Kalauer zu sagen: Die künstlerische Weiterentwicklung einer Band kann eine Treppe in den Himmel oder ein rutschiger Abhang sein, auf dem es, wenn man den Tritt verliert, schnell nach unten geht.
Schwierig wird es, wenn eine der größten Rockbands der Welt überdrüssig wird, eine Rockband zu sein, wie es U2 in den 1990iger Jahren oder Radiohead Anfang der Nullerjahre passierte. In dieser Situation befinden sich derzeit offenbar auch Arcade Fire mit ihrem fünften Album EVERYTHING NOW, das die kanadische Band gemeinsam mit Thomas Bangalter (Daft Punk), Steve Mackey (Pulp) und ihrem langjährigen Weggefährten Markus Drays produziert hat. Herausgekommen ist ein Opus, auf dem die Band an den Grenzen ihres musikalischen Template rüttelt, indem sie verschiedene Musikstile ausprobiert – von Variationen des 70’s Pop, über R&B bis hin zu Dance Hall.
Oft funktioniert das musikalisch durchaus prima und zeigt, in welcher Klasse die Band auch 15 Jahre nach ihrer Gründung heute noch spielt. Der titelgebende Song des Albums, mit dem sich die Kanadier vor dem Abba-Hit „Dancing Queen“ verneigen, ist mit seinen eingängigen Klavierläufen und den dahin schmelzenden orchestralen Klängen einfach großartig. Und wahrscheinlich eines der besten Songs des Jahres. Der schnelle und manische Titel „Infinite Content“ weckt Reminiszenzen an das frühe Shout Along-Material der Band, bevor er abrupt in einen folkloristischen Akustiksong übergeht, der wiederum an die schönsten Titel des Albums „The Suburbs“ erinnert. „Put Your Money on Me“ ist ein euphorischer Song, der eine pulsierende elektronische Basslinie mit Chorgesang raffiniert kombiniert und ebenfalls Anklänge an die musikalische DNA von Abba aufweist. Im deutlichen Kontrast hierzu stehen die düsteren Titel des Albums, das alles andere als optimistisch ist. „Creature Comfort“ erzählt von einem Fan, dessen Angst im Zeitalter der Entscheider und Macher keine Spuren zu hinterlassen, ihn in den Selbstmord treiben. Und der letzte Song des Albums, „We don’t Deserve Love, ist eine tief bewegende Ballade über die Liebe.

Gleichwohl gelingt der Vorstoß auf neues musikalisches Terrain nicht immer perfekt. Der Song “Signs of Life” beginnt wie ein Funksong aus den frühen 1970iger Jahren. Doch dann schlägt er unvermittelt um in 80’s Funk à la „Rapture“ von Blondie mit dem eher peinlichen Versuch von Will Butler darauf zu rappen. Der Song „Electric Blue“ groovt zunächst wunderbar und hat eine explorierende, aufs Zwerchfell zielende Basslinie, nerv dann aber zusehends durch den kreischigen Leadgesang der Keyboarderin Regine Chassagne. Seinen Tiefpunkt erreicht das Album mit “Chemistry,” einem Song im Schunkelrhythmus und mit Mitsing-Melodie und noch mehr Rap-Gesang.
“Everything Now” ist die unbequeme Fusion geworden, die viele schon mit dem Vorgängeralbum „Reflector“ aus dem Jahre 2013 befürchtet hatten, das in Zusammenarbeit mit James Murphy und seinem LCD Soundsystem entstanden war. Doch wo Murphy auf jenem Album die Verbindung des pathetischen Folkrocks der früheren Platten von Arcade Fire mit einer tanzbaren Mixtur aus urbanem Funk, weißem Soul und Dub-Reggae überzeugend gelang, gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den neuen Produzenten komplizierter. An der phantastischen Produktion des Albums gibt es gar nichts zu mäkeln. Bangalter hat seinen akustischen Fingerabdruck deutlich hinterlassen hat – angefangen von den pulsierenden Rhythmus-Tracks, die an Daft Punks jüngster Arbeit mit The Weekend erinnern bis hin zu den üppigen Streicherarrangements, die das Markenzeichen des mit einem Grammy belohnten Albums „Random Access Memories“ aus dem Jahre 2013 sind. Gleichwohl kollidieren die elaborierten elektronischen Rhythmen mit den hymnenartigen Hooks und der Ernsthaftigkeit der kulturkritischen Texte der Montrealer Band. Und subtile Referenzen zur Popgeschichte mit ironischem Anklang à la Daft Punk und Pulp sind ihr Ding auch nicht.

Schlimmer wäre es freilich, wenn Arcade Fire auf Nummer sichergegangen und dem Versuch erlegen wäre, das großartige Vorgänger-Album einfach zu kopieren. So bleibt abzuwarten, ob das anspruchsvolle und polarisierende Album EVERYTHING NOW ihre große Fangemeinde dazu bewegen wird, den Weg, den die Band auf ihrer Himmelsleiter eingeschlagen hat, ohne Murren mitzugehen oder sich sträubt wie ein Hund, den man zum Tierarzt schleifen muss.

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