Anomalisa – Filmtipp

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Kann besser dargestellt werden, dass das Leben manchmal nur eine langsame und langweilige Reise – mit längeren oder kürzeren Zwischenstopps ist, als mit diesen Puppen, die der Regisseur Charlie Kaufman für seinen Film Anomalisa ausgewählt hat?
Es ist nicht gleich sichtbar, dass der Protagonist Michael Stone eine Puppe ist. Man sieht zunächst von ihm nur seinen Hinterkopf – erst bei der nächsten Einstellung wird das Gesicht eingeblendet – ja es ist eine Puppe und das ist genial, denn dem Motivationstrainer und Bestsellerautor Michael Stone fehlt das, was er anderen beibringt – Motivation und Begeisterung. Die spärlichen Emotionen des Puppengesichts sagen aus, wie Michael sich fühlt, lustlos und leer, zudem erscheinen ihm alle Menschen gleich: Alle gleich höflich, bewegen sich ähnlich und sind auch stimmlich identisch.
Das Hotelzimmer ist eines unter vielen – lustlos schaut Stone in den auch immer gleichen Badezimmerspiegel und sieht in sein unverändertes Gesicht. Er führt ein Telefongespräch mit seiner Frau, ihre Stimme klingt ebenso wie seine eigene.
Langweilig für den Zuschauer? Keineswegs, denn da ist eine subtile Spannung zu spüren. Und es ist anrührend, diese Puppen in Menschengestalt zu sehen, ihre Zerbrechlichkeit, die für die psychische Verletzlichkeit des Menschen zu stehen scheint.

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Foto@Paramount Pictures

Ein Date in der Bar läuft für Michael Stone schief, und er will zurück ins Hotelzimmer, als er auf zwei Frauen trifft, wovon eine ihn ganz besonders anzieht. Warum? Sie hat eine andere, unwiderstehliche Stimme und heißt Lisa, arbeitet in einem Call-Center und kam extra für Michaels Vortrag von weit her. Michael ist überzeugt: Mit Lisa kann er einen Neustart wagen …

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Michael und Lisa auf dem Hotelbett, bevor sie sich näher kommen. Allein wegen dieser Szenen lohnt sich der Film… Foto@Paramount Pictures

Charlie Kaufman ist bekannt als jemand, der ein Faible für rätselhafte und melancholische Geschichten hat. Mehrfach für den Oscar nominiert und prämiert mit demselben für sein Drehbuch zu „Vergiss mein nicht!”, hat er nun einen ebenso anrührenden wie ungewöhnlichen Film geschaffen.

Mit den Puppen in Stop-Motion-Technik gedreht, ist ANOMALISA ein Kinoexperiment, das zunächst als Hörspiel konzipiert war und 2005 bei Carter Burwells Projekt „Theater of the New Ear” auf Bühnen in New York und Los Angeles uraufgeführt wurde.
Bei einer Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter.com kamen über 400.000 US-Dollar zusammen und das Projekt konnte gestartet werden.

Das Ergebnis sorgte bei den Festivals von Telluride und Toronto für Begeisterung, der Film wurde in Venedig mit dem „Großen Preis der Jury“ ausgezeichnet, und nun ist er in unseren Kinos angekommen.

Ein poetischer Puppenfilm für Erwachsene, der auch ohne Staraufgebot eine starke Ausstrahlung hat – sehr sehenswert.

Ab 21.01.2016 im Kino

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