A War – Filmkritik

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Im dritten Spielfilm des Drehbuchautors und Regisseurs Tobias Lindholm („R“, „Hijacking“) glänzt Pilou Asbaek als dänischer Soldat in Afghanistan, der in Sekundenschnelle eine Entscheidung fällen muss und sich und seine Familie zu Hause hierdurch in eine schwierige Lage bringt.

Der Film „A WAR“ beginnt mit einer packenden Szene, die den Zuschauer an einen Ort entführt, wo er bestimmt nicht sein möchte. In Afghanistan durchkämmen Soldaten einer dänischen Einheit eine karge Landschaft auf der Suche nach Antipersonenminen. Vorsichtig bewegen sie sich eng gestaffelt auf einer Linie vorwärts. Wehe dem, der jetzt einen falschen Schritt macht. Und dann passiert, was die Bilder Sekunden zuvor als unvermeidlich suggerieren: Ein junger Soldat tritt auf eine Mine, für den Schwerverletzten kommt jede Hilfe zu spät, so dass er noch am Ort stirbt. Der Vorfall lastet schwer auf Kommandeur Claus Pedersen, dem die Sicherheit und das Wohl seiner Truppe am Herzen liegt. Seine Männer sind schockiert und verunsichert, stellen den Sinn des militärischen Einsatzes in Frage. Aus Schuldgefühlen und um einen jungen traumatisierten Soldaten zu ersetzen, den er für den Dienst im Lager abgestellt hat, bis dieser sein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden hat, führt Pedersen fortan seine Truppe auf ihrer täglichen Runde außerhalb des Lagers an. Pedersen weiß es nicht, aber durch diese Entscheidung stellt er sich gerade selbst eine verhängnisvolle Falle.

Foto © Studiocanal

Foto © Studiocanal

Claus Pedersen ist ein guter Mensch – ein Gutteil der ersten Hälfte des Films schneidet zwischen ihm und seiner Frau und den Kindern in Dänemark hin und her mit Szenen, die seine große Fürsorge und Liebe fühlbar werden lassen. Schneller als er denkt, wird er mit seiner Familie wieder vereint sein. Er und seine Männer werden in einen Hinterhalt gelockt und geraten unter vernichtendes Feuer, als sie einen Gebäudekomplex durchsuchen, in dem sie Taliban-Kämpfer vermuten. Pedersen fordert Luftunterstützung an, bei dem anschließenden Bombardement sterben elf Zivilisten. Nach einer Befragung durch Militärermittler wird er nach Dänemark zurückgeschickt, wo er sich wegen eines möglichen Kriegsverbrechens vor Gericht verantworten muss. Die Frage, um die es in der Verhandlung geht ist, ob Pedersen einen feindlichen Kämpfer in dem Gebäudekomplex gesehen hat, was die Bombardierung rechtfertigen würde, oder nicht. Dabei lässt der Film den Zuschauer vermuten, dass der Kommandeur keinen Sichtkontakt hatte, die Bombardierung jedoch anordnete, weil ansonsten einer seiner verwundeten Männer nicht hätte herausgeflogen werden können. Ohne Frage hatte Pedersen ganz klar die rechten Absichten, aber der grauenhafte „Kollateralschaden“ seiner Entscheidung sind elf getötete Einheimische, unter ihnen Kinder. „Denke niemals das der Krieg egal wie erforderlich oder wie begründet er ist, kein Verbrechen ist.“ Hemingways bekanntes Zitat aus „Wem die Stunde schlägt“ bringt das Dilemma treffend auf den Punkt.

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Der in Afghanistan spielende Teil des Films „A WAR“ wurde mit Afghanistan-Veteranen, afghanischen Flüchtlingen und einigen ehemaligen Taliban-Kriegern gedreht und hat streckenweise dokumentarischen Charakter. Lindholm vermeidet dabei sorgfältig jede Glorifizierung des Konfliktes, fokussiert sich stattdessen darauf, was der Krieg aus den Menschen macht, die in ihm als Soldaten im militärischen Einsatz oder zuhause als Familie und Angehörigen verwickelt sind.

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Der Kommandeur vor Gericht © Studiocanal

Kurz bevor der Fall zur Verhandlung kommt, steht Pedersen vor einer weiteren, sogar noch schwierigeren Entscheidung als jene, mit der er das Bombardement anordnete, um einen seiner Soldaten zu retten. Wird dieser aufrechte, faire und gewissenhafte Kommandeur vor Gericht lügen, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen und um eine erneute Trennung von seiner Familie zu vermeiden? Der Druck von außen nimmt zu. „Du hast vielleicht acht Kinder getötet, aber du hast drei lebende Kinder, die hier bei dir zuhause leben“, sagt Maria Pedersen (exzellent Tuva Novotny) ihrem Mann, die der Gedanke entsetzt, dass Claus möglicherweise für die nächsten vier Jahre hinter Gittern verschwindet, wenn er schuldig gesprochen wird.

Fragen der Moral, des ethischen Vorrangs, nach den Kosten und dem Wert der einheimischen Bevölkerung und der weit entfernt lebenden Angehörigen sowie nach der Notwendigkeit von Strafe als Buße für die Sünden, die man begannen hat, werden in „A WAR“ häufig nicht offen angesprochen, schweben aber gleichsam subtil über dem Geschehen, wobei Lindholms Drehbuch und Regie konsequent beim auf das Wesentliche reduzierten Erzählstil bleiben. Dabei hilft Asbaeks emotional ehrliche und unaufdringliche, niemals pathetisch wirkende Darstellung des Claus Pedersen dem Zuschauer, sich inmitten dieser komplexen moralischen, rechtlichen, psychologischen und emotionalen Gemengelage zu orientieren und Halt zu finden.

Fazit: „A WAR“ ist ein aufwühlender, beunruhigender Film, der viele Fragen aufwirft, ohne einfache Antworten zu geben. Anstatt zu manipulieren, überlässt er es dem Zuschauer, die verschiedenen Teile der Geschichte selbst zusammenzusetzen und seine eigenen Antworten zu finden.

Ab 14.04.16 im Kino!

 

Alle Fotos: © Studiocanal

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